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Wie das Virus die Saarfirmen zu schweren Entscheidungen zwingt

Kostenpflichtiger Inhalt: Corona und die Saarwirtschaft : Pendler aus Grand Est bleiben zu Hause

Unter anderem ZF, Ford und Festo haben die Entscheidung getroffen: Arbeiter aus dem Risikogebiet dürfen derzeit nicht zur Arbeit kommen.

Das Corona-Virus bestimmt nicht nur die Nachrichten – es stellt Politiker, Arbeitgeber, Eltern, Arbeitnehmer täglich vor Entscheidungen, die nahezu eine tragische Fallhöhe haben. So müssen derzeit Unternehmer im Saarland ausdiskutieren, ob sie ihre Arbeitnehmer aus der angrenzenden französischen Region Grand Est auf ihr Firmengelände lassen. Schließlich kommen die aus einem Corona-Risikogebiet, wie das Robert-Koch-Institut am Mittwoch entschied. Lange diskutiert haben am Freitag zum Beispiel der Getriebehersteller ZF in Saarbrücken (1060 Grenzgänger). Oder der Autobauer Ford in Saarlouis (800).

Am späten Abend ihre Entscheidungen: „Für ZF hat weiterhin die Sicherheit und Gesundheit der Belegschaft höchste Priorität“, sagte Alexander Wortberg, Werkleiter in Saarbrücken. „In enger Abstimmung mit den Behörden und der Arbeitnehmervertretung und im Gleichklang mit anderen saarländischen Unternehmen reagieren wir damit auf die sehr dynamische Entwicklung bezüglich der Verbreitung des Coronavirus.“ Die neue Regelung greift erstmals zur Nachtschicht am Freitag. Die vorübergehend ausfallenden Produktionsmitarbeiter aus der Region Grand Est sollen durch Ferien- und Aushilfskräfte, Zeitarbeiter, Auszubildende und Mitarbeiter des Kundendiensts ersetzt werden. Auch Ford teilte am späten Abend mit: „Unsere circa 800 Mitarbeiter aus Grand Est werden vorläufig zu Hause bleiben. Dies gilt zunächst für Montag, 16. März. Dann würden sie weitere Schritte besprechen. „Aufgrund dessen werden wir am Montag im Einschicht-, statt wie sonst im Zweischichtbetrieb produzieren.“

Diesen Entscheidungen vorausgegangen war eine Empfehlung aus der saarländischen Staatskanzlei: „Allen Pendlern aus der Region Grand Est wird empfohlen, bis auf Weiteres zu Hause zu bleiben“, teilte Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) am Freitagmorgen mit. Die Entscheidung zur Empfehlung ist beim Treffen der Ministerpräsidenten am Donnerstagabend gefallen. Am Mittwochmittag gab es aus dem saarländischen Wirtschaftsministerium noch die Ansage, die 20 000 Berufspendler wie „Saarländer zu behandeln“. Das heißt: Zeigen sie Symptome einer Corona-Infektion, dürfen sie erst wieder auf ein Firmengelände, wenn klar ist, dass sie nicht infiziert sind. So war der Stand bis Freitagabend.

Julian Lange, Sprecher im Arbeitsministerium, weiß, dass dies „sicher keine einfache Situation für die Unternehmen ist“. Zumal sie unterschiedlich hart davon betroffen seien. Manchmal sei Arbeiten von zu Hause für Grenzgänger möglich, zum Beispiel für Angestellte einer Verwaltung. Am Band lasse sich zu Hause aber nicht arbeiten. Fehlen einer Firma diese Mitarbeiter, kann  die Produktionssicherheit gefährdet sein. Wohl auch daher gibt es derzeit keine Anordnung aus der Politik, die Arbeiter zu Hause zu lassen, sondern nur eine Empfehlung.

Die hat die Festo in St. Ingbert-Rohrbach nicht gebraucht. Sie lässt ihre 180 Mitarbeiter aus Grand Est bereits seit Mittwoch nicht mehr aufs Firmengelände. Insgesamt arbeiten etwa 2500 Menschen für den Werkzeugbauer im Saarland. Die Mitarbeiter hätten alle „Verständnis für diese Maßnahme gezeigt“, teilt Sprecherin Sibylle Wirth mit. Auch wer die Arbeit der Grand Estler mitmachen muss. „Die Produktion ist nicht beeinträchtigt“, sagt Wirth.

„Die Corona-Krise erfordert entschlossenes und vorausschauendes Handeln auf allen Ebenen“, erklärte Carsten Meier, Geschäftsführer der saarländischen Industrie- und Handelskammer. „Die Empfehlung, aus dem Risikogebiet Grand Est stammende Pendler nach Hause zu schicken und an den Grenzen verstärkt zu kontrollieren, ist daher richtig“, sagte er. Viele Unternehmen würden bereits so verfahren. „Sie handeln damit verantwortungsbewusst und tragen mit dazu bei, die Ansteckungsgefahr in den Betrieben zu reduzieren“, erklärt Meier. Davon betroffen seien nicht nur die Industriebetriebe, sondern auch zahlreiche unternehmensnahe Dienstleister wie Logistiker, Reinigungsunternehmen sowie der Handel, die Gastronomie und Hotellerie. „Sie alle müssen ihre Geschäftsabläufe jetzt neu ausrichten“, was gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen eine echte Herausforderung sei. Nicht nur wegen der Pendler.

Beispiel Hotel- und Gaststättengewerbe: Die Hotels werden bis Montag wohl „90 Prozent ihrer Buchungen verloren haben“, erklärte Gudrun Pink am Donnerstag. Grund: Kaum jemand wolle in einer Region übernachten, die direkt neben einem Risikogebiet liege. Seit 24 Jahren ist Pink nun Chefin des Saarlandablegers des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte sie. Daher sei es gut gewesen, dass der Bund das Kurzarbeitergeld am Freitag neu geregelt hat und schnelle Kredite für Unternehmen in Aussicht stellt, die durch das Virus nachweislich in Schieflage geraten sind. „Es wird auch eine Zeit nach der Pandemie geben“, sagte Pink. Eine Zeit mit einfacheren Fragen.