Wenn die erste Ausbildung floppt

Saarbrücken · Rund 25 Prozent aller Ausbildungsverträge werden vorzeitig aufgelöst. Die Wirtschaftskammern IHK und HWK bemühen sich, eine Anschlussausbildung zu finden. Die meisten Abbrecher hat das Handwerk.

 Im Handwerk wird die Ausbildungsstelle häufig gewechselt. Foto: hitij/dpa

Im Handwerk wird die Ausbildungsstelle häufig gewechselt. Foto: hitij/dpa

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Als Ausbilder ist man manchmal auch ein bisschen Erzieher. "Ich bin nicht nur der Chef, sondern übernehme auch teilweise die Rolle eines Elternteils", sagt Alexander Herz, Leiter der Saarbrücker Firma HET Elektroanlagen. Zwei seiner Auszubildenden haben im Saarland keine Familie. Beide machen bei Herz eine Lehre als Elektroniker, und für beide ist der Job bei Herz nicht die erste Ausbildungsstelle. Beiden fehlt es manchmal an Grundsätzlichem: höflich zu sein, Anweisungen zu befolgen. Beide sind aber auch Beispiel dafür, dass der Verlust des Ausbildungsplatzes nicht das Ende der beruflichen Karriere bedeutet, sondern es Möglichkeiten gibt, woanders unterzukommen.

Ein Ausbildungsabbruch ist auch keine Seltenheit. Mehr als jeder vierte Ausbildungsvertrag wurde im Saarland 2014 vorzeitig beendet, hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ermittelt. Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben: Der Azubi wechselt den Betrieb, sucht sich einen anderen Ausbildungsberuf, will lieber doch studieren - oder der Betrieb geht ganz einfach pleite.

Wenn so etwas passiert und man, ob freiwillig oder unfreiwillig, mitten in der Lehre plötzlich ohne Stelle dasteht, gibt es aber Unterstützungsangebote. Die saarländische Handwerkskammer (HWK) etwa hilft dabei, im Fall der Fälle einen neuen Betrieb zu finden. Verlangt dabei aber auch ein selbstkritisches Hinterfragen des Azubis: Warum hat es mit dem letzten Arbeitgeber nicht geklappt? Liegt es vielleicht auch an meinem eigenen Verhalten? Von nichts kommt nichts: "Die aktive Bereitschaft zu sagen, ich brauche Hilfe, muss schon da sein", sagt Justus Wilhelm, Bereichsleiter Ausbildung bei der HWK. Auch wenn man zum Beispiel erst nach einem Jahr Ausbildung merkt, dass man im falschen Beruf ist, sei das kein Beinbruch. "Das Leben geht nicht immer nur geradeaus." Er schränkt aber ein: Einmal könne das passieren, vielleicht auch zweimal. "Irgendwann muss man Dinge aber auch mal zu Ende machen."

Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) unterstützt Abbrecher bei der Suche nach neuen Lehrstellen. Insbesondere bei Unternehmensinsolvenzen sei man da immer sehr erfolgreich, sagt Michael Meter, Teamleiter Ausbildung bei der IHK. Im Falle des Fensterbauers Marquardt in Kleinblittersdorf, der seinen Betrieb schließt, habe man alle Azubis in anderen Firmen unterbringen können.

Die meisten Abbrecher verzeichnet der IAB-Studie zufolge das Handwerk : Über 42 Prozent der Ausbildungsverträge wurden 2014 vorzeitig aufgelöst. Industrie und Handel (19,8 Prozent) oder der Öffentliche Dienst (6,1 Prozent) sind da deutlich besser dran. Das liege daran, dass es insgesamt mehr Lehrstellen als Bewerber gibt, sagt Wilhelm. Dadurch hätten nicht nur die angehenden, sondern auch die Azubis mit Lehrstelle eine größere Auswahl. Leidtragende seien die kleinen und mittleren Unternehmen - und damit das Handwerk . "Viele der Wechsler und vorzeitigen Löser bleiben im Beruf, gehen aber von einem kleinen oder mittleren in ein großes Unternehmen. In 99 Prozent der Fälle heißt das aus dem Handwerk in die Industrie", sagt Wilhelm. Firmenchef Alexander Herz freilich bemüht sich, dass seine beiden Azubis bei ihm bleiben können, er ist engagiert und geduldig. "Sie nehmen es ja auch an und versuchen es", sagt er. Seine Erfahrung als Ausbilder: "Erklären klappt meist besser als schreien."

Mehr SZ-Ausbildungsserie gibt's unter www.saarbruecker-zeitung.de/serie-ausbildung .

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