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Ausbildung: Was es in der Lehre zu verdienen gibt

Ausbildung : Was es in der Lehre zu verdienen gibt

Im Durchschnitt bekommen Azubis monatlich 876 Euro. Doch die Unterschiede zwischen den Branchen sind enorm.

Die Arbeitswelt war für Kim Kornberger immer übersichtlich. „Für mich gab es nur die Berufsfelder Lehrer oder Friseur“, sagt die 26-Jährige. Nach dem Abitur entschied Kornberger sich für ein Studium. Lehrer zählen in Deutschland zu den Besserverdienern, Friseure nicht. Das schreckte sie ab. Fünf Semester verbachte Kornberger an der Uni. Dann wechselte sie doch ins Handwerk, begann beim Friseur Ganster in St. Ingbert eine Lehre. „Ich habe beim Geld deutliche Abstriche in Kauf genommen“, sagt sie. „Dafür mache ich das, was ich machen will.“

Im Saarland empfiehlt die Innung für Friseure im ersten Lehrjahr eine Vergütung von 370 Euro. Nur angehende Konditoren erhalten weniger Geld. „Das ist extrem wenig“, sagt Kornberger. Ihr Glück: Sie fand einen Ausbildungsbetrieb, der sie übertariflich bezahlte – vom ersten Tag an. Am oberen Ende der Skala in der betrieblichen Ausbildung steht das Baugewerbe. Der Tarifvertrag beschert zukünftigen Maurern oder Straßenbauern anfangs 785 Euro, im dritten Jahr dann 1410 Euro.

„Wer in der Ausbildung wenig Geld bekommt und darüber hinaus unzufrieden ist, schmeißt schneller hin“, sagt Arbeitskammer-Chef Jörg Caspar. Die Abbrecherquote liege durchschnittlich bei 24 Prozent. „In schlecht bezahlten Berufen wie beispielsweise bei Friseuren, Fleischern oder Hotelkaufleuten steigt sie sogar auf rund 30 Prozent an“, so Caspar. Eine bessere Bezahlung könne mit den richtigen Rahmenbedingungen mehr junge Menschen in der Ausbildung halten.

Kim Kornberger war in ihrer Branche eine Ausnahmeerscheinung. Deutlich über 20, Abitur. Allgemein bestätigt sie einen Trend in der beruflichen Bildung: „Das Alter der Auszubildenden hat sich verschoben“, sagt Roman Lutz, Referatsleiter für Aus- und Weiterbildung bei der Arbeitskammer. 2016 lag das Durchschnittsalter neuer Azubis im Saarland bei 20,3 Jahren – ein Jahr mehr als vor zehn Jahren. Weil sie länger zur Schule gehen. Mehr als ein Drittel verfügt heute über die Fachholschulreife oder Abitur. 2007 war der Hauptschulabschluss noch Standard. Steigen damit auch die finanziellen Ansprüche der Azubis? Machen sich Alter und höhere Schulbildung bei der Bezahlung bemerkbar?

Fakt ist: Ab 2012 zogen die Vergütungen laut Bundesinstitut für Berufsbildung deutlich an, im Westen lagen die Zuwächse drei Jahre in Folge über vier Prozent. Was nach Ansicht der Forscher hauptsächlich der „Angebots-Nachfrage-Situation“ auf dem Ausbildungsmarkt geschuldet ist, dem demografischen Wandel, weniger Geburten, mehr Akademikern.

2017 betrug die tarifliche Vergütung bundesweit durchschnittlich 876 Euro. Wobei Experte Lutz betont: „Das sind nur die tariflichen Entgelte.“ Hier gebe es Zuwächse, aber das sei nur ein Teil der Realität. Daher fordert die Arbeitskammer wie die Gewerkschaften eine Mindest-Ausbildungsvergütung.

Ist eine Firma nicht tarifgebunden, kann sie Azubis ein Fünftel weniger Geld zahlen – mehr hält das Bundesarbeitsgericht für „nicht mehr angemessen“. Daran orientiert sich auch das Minimum, das der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert. Ein Mindestlohn für Azubis steht auch im Koalitionsvertrag von CDU und SPD im Bund. Bis zum 1. August 2019 will man diesen gesetzlich festschreiben. Spätestens 2020 soll er Realität werden.

Indes offenbart ein Blick auf die häufigsten Ausbildungsberufe, was auch Lutz sagt: „Die Vergütung ist nur ein Aspekt bei der Ausbildungssuche.“ Laut der Shell-Jugendstudie von 2015 sind Sicherheit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders wichtig.

Dass Geld nicht alles ist, zeigt die Berufsbildung jenseits des dualen Systems. Laut Arbeitskammer qualifiziert sich im Saarland gut ein Drittel der Azubis in Fachschulen. Das betrifft Erzieher, Logopäden oder Physiotherapeuten. Sie erhalten keine Vergütung, haben selten Aussicht auf üppige Gehälter. Immerhin: Wer eine schulische Ausbildung absolviert, kann Schüler-Bafög erhalten – bis zu 735 Euro monatlich.

Reicht die Ausbildungsvergütung nicht, kann die Bundesagentur für Arbeit eine finanzielle Unterstützung gewähren: die Berufsausbildungsbeihilfe, kurz: BAB. Sie kann beantragen, wer nicht zu Hause wohnt, volljährig ist, Kinder hat. Wird eine solche Beihilfe nicht bewilligt, besteht die Option auf Wohngeld. Unter 25 Jahren haben Azubis zudem einen Anspruch auf Kindergeld.

Ausbildung: Was es in der Lehre zu verdienen gibt
Foto: Friseur Ganster/Sabine Jung

Kim Kornberger hat das alles hinter sich. Nach zwei Jahren hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen, ihr Salon beschäftigt sie weiter – zu guten Konditionen. Bundesweit liegt das mittlere Einkommen in der Branche bei 1489 Euro, knapp über der Hälfte dessen, was Fachkräfte in der Republik im Median verdienen (2016: 2891 Euro). Trotzdem: Sie habe ihre Entscheidung nie bereut, sagt die Friseurin.