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VW-Betriebsrat zieht rote Linien

VW-Betriebsrat zieht rote Linien

Die gewinnschwache VW-Kernmarke muss sparen. Das Management dringt auf milliardenschwere Sparziele und Mehrarbeit für Fachkräfte. Der Betriebsrat pocht dagegen auf Sicherung von Jobs und Standorten.

Der im Dieselskandal steckende Autobauer VW will seine gewinnschwache Pkw-Kernmarke mit einem milliardenschweren Sparprogramm auf Trab bringen. VW-Markenchef Herbert Diess brachte zudem für Tausende Fachkräfte fünf Stunden mehr Arbeitszeit pro Woche ins Spiel. Gestern sprach er im Wolfsburger Stammwerk bei einer Betriebsversammlung von einer 40-Stunden-Woche für die Mitarbeiter in der Technischen Entwicklung. Bisher gilt für sie laut VW-Haustarif in aller Regel eine 35-Stunden-Woche. Generell will Volkswagen mit einem "Zukunftspakt" bis Ende 2020 bei der Pkw-Kernmarke rund 3,7 Milliarden Euro Sparvolumen freischaufeln. Der Zukunftspakt soll in den nächsten Wochen stehen.

Der VW-Betriebsrat hat in den Gesprächen für den Zukunftspakt einige Punkte als nicht verhandelbar erklärt. Betriebsbedingte Kündigungen dürfe es nicht geben und an bestehenden Verträgen wie dem VW-Haustarif - mit Regeln etwa für Einkommen und Arbeitszeit - sei nicht zu rütteln. Eine Forderung, mit der sich Betriebsratschef Bernd Osterloh wohl durchsetzen konnte. In einer gemeinsamen Mitteilung von VW und Betriebsrat hieß es, betriebsbedingte Kündigungen seien vom Tisch. "Wir müssen die Mannschaft verkleinern, aber es wird keine Kündigungen geben", sagte Diess. Personalvorstand Karlheinz Blessing sagte: "Wo Aufgaben entfallen, werden wir Stellen nicht wieder besetzen."

Außerdem zog der Betriebsrat eine weitere rote Linie ein: Die schwierige Situation sei nur zu meistern, "wenn wir für alle Standorte eine klare Zukunftsperspektive, neue Produkte und damit langfristig sichere Arbeitsplätze erhalten", sagte Osterloh. Nicht zuletzt wegen der milliardenschweren Belastungen aus der Manipulation von Dieselabgastests steht der Konzern vor einer harten Belastungsprobe, auch der Schwenk zu Elektroautos bedeutet für den Konzern mit weltweit mehr als 600 000 Mitarbeitern einen Umbruch.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt wies derweil gestern eine Mitverantwortung der Bundesregierung am VW-Skandal zurück und dringt weiter auf schärfere EU-Abgasregeln. "Ich glaube nicht, dass alles seine Ordnung hat und die Richtlinien präzise genug sind", erklärte der CSU-Politiker im Abgas-Untersuchungsausschuss des EU-Parlaments in Brüssel. Die bestehenden Vorgaben, wonach die Abgasreinigung zum Motorschutz abgeschaltet werden darf, kämen aus einer technisch anderen Zeit. Solche Abschaltungen sollten künftig nur noch akzeptiert werden, wenn es beim Einsatz "bester verfügbarer Technologien" keine anderen Möglichkeiten zum Motorschutz gibt.

Meinung:

Wie in der Vergangenheit

Von SZ-Redakteur Volker Meyer zu Tittingdorf

VW ist offenbar noch nicht in der Zukunft angekommen. Denn bei den Verhandlungen zum Zukunftspakt läuft es wie in der Vergangenheit. Der traditionell mächtige Betriebsrat gibt vor, wo keinesfalls gespart werden darf. Harte Einschnitte, wie sie andere Konzerne in dieser brisanten Lage einleiten würden, sind nahezu unmöglich. Woher sollen die Milliarden aber kommen, die VW braucht, um die Folgen des Diesel-Skandals und die absehbaren Umbrüche in der Autobranche zu bewältigen? Es dürfte kaum reichen, frei werdende Stellen nicht neu zu besetzen. Zu befürchten ist, dass VW die Milliarden bei den Zulieferern herauspressen will. Das kann aber nach hinten losgehen. Denn am Ende leidet die Qualität der Autos. Und das hilft gewiss nicht, Kundenvertrauen zurückzugewinnen.