Von Schuckmann will keinen Abbau von 2000 Jobs bei ZF in Saarbrücken

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit ZF-Manager Stephan von Schuckmann : ZF-Manager: Konzern plant keinen Abbau von 2000 Arbeitsplätzen in Saarbrücken

ZF-Manager Stephan von Schuckmann weist die Schreckensszenarien zurück. Betriebsrat und IG Metall hatten vom Verlust von 2000 oder gar 2225 Stellen bei ZF in Saarbrücken gesprochen. Der Chef für die Pkw-Getriebewerke ist nach wie vor zuversichtlich für den Standort Saarland.

Was der ZF-Betriebsrat Ende September im Saarbrücker Werk vorstellte, beunruhigte und schockierte viele Mitarbeiter. 2000 oder gar mehr Stellen seien in Gefahr, hieß es. Der ZF-Konzern dementierte diese Zahlen. Stephan von Schuckmann, Leiter der Division Pkw-Antriebstechnik, bekräftigt im SZ-Gespräch, dass es solche Pläne gar nicht gebe.

Die ZF-Belegschaft in Saarbrücken macht sich Sorgen, dass nach Auslaufen der Beschäftigungsgarantie Ende 2022 ein großer Stellenabbau geplant ist, zum einen, weil die Produktion der aktuellen Getriebegeneration nach Ungarn verlagert werden könnte, zum anderen, weil ein geringerer Anteil des Auftragsvolumen für die vierte Generation des Achtgang-Automatikgetriebes ins Saarland gehe als erhofft. Kalkulieren Sie im Konzernvorstand mit solch einem Szenario?

Stephan von Schuckmann, Leiter der ZF-Division Pkw-Antriebstechnik. Foto: BeckerBredel

VON SCHUCKMANN Das angesprochene Szenario kenne ich so nicht.

Es kursierten sogar konkrete Zahlen, wenn auch unterschiedliche: 1800, 2000, 2225 Jobs könnten wegfallen.

VON SCHUCKMANN Ich kann die Zahlen nicht nachvollziehen. Dass man gerade in so unsicheren Zeiten Ängste und Sorgen anbringt, ist verständlich und berechtigt. Doch wir sind vergleichsweise in einer positiven Lage. Jetzt eine Belegschaft zu verunsichern, ist nicht zielführend.

Eine positive Lage? Sie spielen auf die Großaufträge an.

VON SCHUCKMANN Wenn ich über einen längeren Zeitraum denke, bin ich sehr zuversichtlich und positiv gestimmt. Denn wir sind in der günstigen Lage, dass wir drei große Aufträge von BMW, Fiat-Chrysler und einem dritten Volumenanbieter über ein signifikantes Milliardenvolumen gewonnen und mit einem Kunden eine bedeutende Laufzeitverlängerung vereinbart haben. Die vierte Generation des Achtgang-Getriebes startet erst 2022/23 und hat eine Laufzeit von sieben bis zehn Jahren. Im Vergleich zur Lage der Autozulieferbranche insgesamt haben wir eine gute Perspektive anzubieten.

Aber es ist, wie Sie in den vergangenen Monaten mehrfach erklärt haben, offen, wo welche Mengen des neuen Getriebes gebaut werden?

VON SCHUCKMANN Da möchte ich erst einmal den Blick auf die weltweite Präsenz unserer Division lenken. Die ureigenste Aufgabe der Unternehmensleitung ist, alle Standorte abzusichern. Für unsere Division bedeuten diese Aufträge eine sehr gute Grundabsicherung für alle Werke weltweit. Wir können aber heute noch nicht klar sagen, wo genau wir die Produkte platzieren werden.

Warum nicht?

VON SCHUCKMANN Aufgrund der Diskussionen über Zölle im internationalen Handel und den daraus folgenden Risiken müssen sich unsere Kunden entscheiden, von woher sie Lieferungen bekommen wollen. Ein Teil unserer Kunden produziert in Amerika. Sie müssen dort nach gesetzlichen Vorgaben eine gewisse lokale Wertschöpfungstiefe nachweisen. Das Getriebe als werthaltiges Teil kommt dafür infrage, von lokalen Lieferanten bezogen zu werden. Wenn Kunden dies wollen, werden wir aus den USA liefern. Solche Anforderungen gibt es übrigens auch in China. Erst wenn wir mehr Klarheit haben, wo die Reise in den Handels- und Zollfragen hingeht, können wir klarer sagen, wo das Achtgang-Getriebe in welcher Menge hergestellt wird. Das ist die große Unsicherheit. Wir glauben aber, dass es eine Teilklärung bis zum Ende des Jahres geben wird. Die amerikanische Administration hat das angekündigt.

Könnte der Standort Saarbrücken bei dieser Internationalisierung nicht zum Teil unter die Räder kommen?

VON SCHUCKMANN Der Standort Saarbrücken spielt immer eine zentrale Rolle. Er hat über die Jahre eine geballte Kompetenz im Getriebebau erworben. Hier in Saarbrücken wird zuerst die Kompetenz für die vierte Generation des Achtgang-Automatikgetriebes aufgebaut, hier wird es industrialisiert, und hier werden die Prozesse stabilisiert. Das ist ein Kraftakt. Und dann erst wird die Fertigung in andere Werke in der Welt übertragen. Ohne das Know-how, das wir am Leitstandort Saarbrücken haben, wäre es gar nicht möglich, Getriebestandorte in China oder Ungarn aufzubauen. Und diese einzigartige Kompetenz in Saarbrücken benötigen wir kein zweites Mal irgendwo in der Welt. Das wäre auch sehr unwirtschaftlich. Zudem geht Saarbrücken nie leer aus, wenn ein Kunde entscheidet, dass er Getriebe aus den USA oder China bekommen will. Denn aus Saarbrücken kommen einige Teile für alle Getriebe weltweit, zum Beispiel die Schaltgeräte. Nicht zuletzt wird ein großer Teil der Getriebe auch weiterhin in Europa produziert.

Doch hier in Europa hat Saarbrücken doch auch Konkurrenz. Es wird befürchtet, dass die Fertigung der aktuellen dritten Getriebegeneration aus Kostengründen teilweise nach Ungarn verlagert wird.

VON SCHUCKMANN Wir werden nicht aus Kostengründen unüberlegt Volumen durch die Welt schieben. Das wäre sehr unvernünftig. Gerade in der Getriebetechnik, die investitionsintensiv ist, verlagert man nicht von heute auf morgen etwas von links nach rechts. Ungarn spielt strategisch eine Rolle, ist dabei aber in einem Fertigungsverbund mit Saarbrücken zu sehen. In Summe stärken wir die Wettbewerbsfähigkeit durch Kostenvorteile in Ungarn und die extrem hohe Kompetenz, die wir in Saarbrücken haben.

Könnte dann nicht trotzdem am Ende Saarbrücken an Volumen verlieren?

VON SCHUCKMANN In Zukunft wird jedes Fahrzeug in irgendeiner Form elektrifiziert sein, ein großer Teil davon Hybride, für die unsere neue Getriebegeneration in unserem Baukastensystem neben klassischen Verbrennern ausgelegt ist. Hybride werden die Norm sein. Daran habe ich keine Zweifel. Davon wird auch Saarbrücken profitieren.

Sie rechnen also mit einem stark wachsenden Markt für Hybridgetriebe, aber kann die Entwicklung nicht auch in eine ganz andere Richtung gehen?

VON SCHUCKMANN:Wir betrachten verschiedene Szenarien zum technologischen Wandel. Wenn der Markt in Richtung einer vollen Elektrifizierung kippt, dann hat das Effekte auf alle Getriebestandorte und ihre Beschäftigung. Das ist aber nicht das Szenario, das wir im Moment verfolgen. Wir investieren gigantische Summen in die vierte Generation des Achtgang-Getriebes, allein 800 Millionen am Standort Saarbrücken. Das würden wir nicht tun, wenn wir annähmen, dass sich das Produkt nicht verkauft.

Wie stark wirkt sich die gegenwärtige Konjunkturschwäche auf den Standort Saarbrücken aus?

VON SCHUCKMANN Wir durchlaufen gerade eine konjunkturelle Delle. Wenn sie sich nicht verstärkt, halten wir die Beschäftigung am Standort Saarbrücken. In Summe haben wir über alle Werke und alle Regionen eine starke Absatzreduktion zwischen zehn und zwölf Prozent. Daran müssen wir uns anpassen. Wir reagieren zum Beispiel mit Abbau von Gleitzeitkonten, veränderten Schichtmodellen und Schließtagen. Im Moment reicht das auch aus. ZF hat bislang noch nicht einmal das Mittel der Kurzarbeit eingesetzt. Wir können das Beschäftigungsniveau an diesem Standort und auch global einigermaßen gut abfedern. Sollte sich die Delle aber zu einer Krise verstärken, muss man sich gut überlegen, ob diese Maßnahmen ausreichen. Wir können keine 100-Prozent-Garantie für alle Arbeitsplätze geben.

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