Verstörend und überwältigend: Ensemble Modern auf dem Halberg

Saarbrücken · Die individuelle Klasse dieser Ausnahmemusiker wortreich zu beschreiben, ist müßig. Belegt das "Ensemble Modern" in der Riege der weltweit führenden Formationen für Neue Musik doch einen unangefochtenen Spitzenplatz. Auch am Freitag machte das sagenhaft organische Agieren der Solisten trotz unvorstellbar komplexer Einzelstimmen regelrecht sprachlos. Aufgeführt wurden vier Werke Arnulf Herrmanns, seit 2014 Professor für Komposition der "HfM Saar".

Das verspätete Einstandkonzert im Großen SR-Sendesaal unter Franck Ollus umsichtiger Leitung beleuchtete Hermanns Arbeitsprozesse und lebte von der offenkundigen geistigen Verwandtschaft zwischen Ensemble und Komponist. Struktur ist für diesen kein hemmendes, vielmehr anregendes, weil auf Reaktion drängendes Element. Doch dann folgte "Monströses Lied": das auskomponierte Szenario eines Tumorwachstums innerhalb der Musik, wobei die Form daselbst gegen ihre scheinbare Begrenztheit rebelliert und zerfallen muss. Jener "Selbstmord" aus Mangel an Demut ist das letztendlich Verstörende. Eine hochphilosophische Herangehensweise: Herrmann experimentiert mit Konstruktionsprinzipien, um Raum für Intuition zu schaffen. Exemplarisch stand dafür der Variationssatz aus "Terzenseele": ein zellenartiges Kompositionsmuster wird zur Basis eines ineinander verzahnten Räderwerks, das von Steuerbarkeit, Freiheitspotenzial, diesmal aber von einer ganz anderen Art Wachstum zeugt. In den "Fiktiven Tänzen" nimmt Hermann dann die Tanzbarkeit Schritt für Schritt auseinander - überwältigend!

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