Versicherungsunternehmen Neodigital aus Neunkirchen will die Branche aufmischen

Saarlandisches Start-up : Neue Versicherung aus Neunkirchen

Das junge Versicherungs- unternehmen Neodigital will die Branche aufmischen. Das Mittel im Wettbewerb mit den Konzernen: Alles läuft digital.

Stephen Voss ist ein smarter Typ, intelligent, offen – und ehrgeizig. Er und sein Mitstreiter Dirk Wittling wollen die Versicherungs-Riesen ärgern und Allianz, Ergo, Talanx und Co. mit einem komplett digitalen Geschäftsmodell Marktanteile abjagen. Die beiden haben dafür eine neue Versicherung gegründet. Sie heißt Neodigital, hat ihren Sitz in Neunkirchen und bietet Produkte zur Privat- und Tierhalterhaftpflicht sowie zur Hausrat- und Unfallversicherung an. „Die etablierten großen Versicherer arbeiten für die heutige Kundenkultur zu langsam, zu unflexibel, zu träge, zu analog“, sagt Voss – aus eigener Erfahrung.

Er hat in verschiedenen großen Versicherungsunternehmen gearbeitet, zuletzt bei der Zurich Versicherung. Dort war er zuständig für das Makler-Geschäft und auch Vorstand der Baden Badener Versicherung in St. Ingbert, wo er letztlich die Standortschließung einleiten musste. Das Versicherungsgeschäft „geht viel besser, viel digitaler und effizienter“, sind er und Dirk Wittling, früherer Standortleiter der Baden Badener in St. Ingbert, überzeugt. Und „wenn man es konsequent macht, macht man es neu“, sagt Voss. „Deswegen sind wir gestartet.“ Im Wesentlichen richtet sich die Versicherung wie die Baden Badener an Makler, wendet sich aber auch an Privatkunden. So können Verbraucher etwa über das Online-Portal „Vergleichen und Sparen“ Tierhaftpflicht-Versicherungen abschließen.

25 Mitarbeiter hat das junge Unternehmen, davon rund die Hälfte IT-Spezialisten. Sie haben eine Software entwickelt, die, so Voss, alle Abläufe einer Versicherung abbildet, sie vereinfacht, beschleunigt und flexibel macht wie einen Baukasten mit Lego-Steinen. Mit dem Ziel: die Tätigkeit der Makler zu erleichtern und sie von Verwaltungsarbeit zu entlasten, damit sie mehr Zeit für ihre Kunden haben. Das Baukasten-Prinzip ermöglicht es Neodigital auch, für große Vertriebspartner, den Pools, in denen Makler organisiert sind, Versicherungstarife nach Wunsch zusammenzustellen. Auch für die Kunden soll es leichter werden, ihre Versicherungspolicen zu managen und Schadensfälle abzuwickeln – rund um die Uhr, per Smartphone, Rechner oder Telefon.

Ein Beispiel: Bei klassischen Versicherungen läuft es nach Erfahrung des Neodigital-Chefs oft so: „Der ,Kunde meldet einen Schaden und bekommt vier Wochen später einen Brief.“ Genauso auch der Makler. „Das ist kein schöner Prozess“, sagt Voss. Zumal er begleitet ist von Nachfragen des Kunden beim Makler und des Maklers bei der Versicherung, was denn nun mit dem Schadensfall los ist, ob gezahlt wird oder nicht und wann ein Bescheid verschickt wird. Bei Neodigital laufe das ganz anders, sagt Voss: Der Kunde oder sein Makler kann den Schaden online oder telefonisch melden. Das System bestätigt sofort automatisch den Eingang des Schadenberichts, startet dann die Prüfung des Falls und informiert über die nächsten Schritte, zum Beispiel die Auszahlung von Schadenersatz oder einen Auftrag an einen Gutachter. Darüber hinaus haben die Kunden über eine Plattform Zugriff auf ihre Daten und können zum Beispiel Änderungen der Adresse oder des Bankkontos eingeben. Durch die digitalisierten Abläufe „können wir sehr schnell sehr viel Versicherungsbestand verwalten und verkaufen“, sagt Voss. Das ist aus Sicht des 43-Jährigen der große Unterschied und Vorteil im Vergleich zu den Branchen-Riesen.

Die beiden Neodigital-Gründer sind bundesweit nicht die einzigen, die den Großen mit digitalen Geschäftsmodellen Konkurrenz zu machen versuchen. Zurzeit blüht eine Start-up-Szene sogenannter Insurtechs. Die meisten jungen digitalen Dienstleister im Versicherungswesen konzentrieren sich aber auf Vermittlung und Management von Policen. Neodigital ist dagegen ein Versicherer mit eigenen Tarifen, dabei „unabhängig von bestehenden Versicherungskonzernen“ und mit einer Lizenz der deutschen Finanzaufsicht Bafin ausgestattet, erläutert Voss. Fast alle Neugründungen, die mit digitalen Dienstleistungen werben, haben eine große Mutter im Rücken. Ein Beispiel ist Adam Riese, ein Tochterunternehmen der Württembergischen Versicherung.

Auf die Bafin-Zulassung ist der Neodigital-Chef besonders stolz. Sie ist für ihn nach außen für die Kunden und die Versicherungsmakler ein Ausweis der Seriosität. „Wir erfüllen dieselben Anforderungen wie eine Allianz oder Ergo“, sagt er. In der Tat wird Neodigital mit der Lizenz bescheinigt, ein unabhängiger Risikoträger zu sein und selbst dafür gerade stehen zu können, wenn Schadensfälle zu regulieren sind.

„Das hat man uns nicht zugetraut“, sagt Voss. Der bürokratische und finanzielle Aufwand für die Bafin-Zulassung ist schließlich hoch. Mehrere Millionen Euro müssen mindestens als Eigenmittel hinterlegt werden, um bei Schadensfällen den Verpflichtungen gegenüber den Kunden nachkommen zu können. Je mehr Policen eine Versicherung hat, desto mehr Kapital ist nötig. Um diese Summen aufzubringen, stehen Finanzinvestoren hinter dem Neunkircher Unternehmen: die Beteiligungsgesellschaft Schneider-Golling & Cie. und der Wagniskapitalfonds Coparion, der sein Kapital von der staatlichen Förderbank KfW erhält. Im Juli vergangenen Jahres hatte Neodigital die Lizenz beantragt, Ende März dieses Jahres erteilte die Bafin bereits die Zulassung.

Auch wenn der Start von Neodigital geglückt ist, „der Weg ist noch lang“, sagt Voss. Bis auf breiter Front Makler das Unternehmen ihren Kunden empfehlen. Bis die „Fabrik“ für Versicherungspolicen rund läuft. Und erst recht, bis das Unternehmen schwarze Zahlen schreibt, gutes Geld verdient und den großen Versicherern ein echter Konkurrent wird.