Trotz Verdi-Protest Primark fordert alle Krankenakten von Mitarbeiter und droht mit Lohnkürzung

Kaiserslautern/Essen · Entweder ein Beschäftigter rückt umfangreiche Krankenakten an seinen Arbeitgeber Primark heraus – oder es gibt keinen Lohn: Diese Forderung des Bekleidungsgiganten sorgt weiterhin für Aufruhr. Jetzt legte das Unternehmen offenbar noch nach.

 Primark sorgt wegen der Forderung nach völliger Einsicht in Krankenakten für großen Ärger. (Symbolbild)

Primark sorgt wegen der Forderung nach völliger Einsicht in Krankenakten für großen Ärger. (Symbolbild)

Foto: BeckerBredel

Ausführliche Krankenakten oder kein Lohn? Verdi und ein Fachanwalt aus Saarbrücken sind sich einig: Primark schießt bei seinen Forderungen weit übers Ziel hinaus. Schlimmer noch: Der Bekleidungskonzern verstoße gegen Arbeitsrecht.

Und trotz der massiven Kritik seitens Gewerkschaft und des Juristen hält die Modekette unbeirrt an ihrer Gangart fest. Mehr noch: Primark legt sogar nach, wie die SZ von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) erfuhr.

Primark behält von Mitarbeiter in Kaiserslautern ein weiteres Mal Lohn ein

David Koch, Gewerkschaftssekretär bei Verdi in der Pfalz, bestätigt, dass derselbe Kollege der Filiale in Kaiserslautern erneut Lohneinbußen einstecken musste. Dies sei das zweite Mal, dass Primark ihm das Gehalt drastisch kürze.

Das Unternehmen verteidigt dies damit, dass der Mitarbeiter bislang nicht auf die Forderung eingegangen sei, dem Arbeitgeber die völlige Einsicht in all seine Krankenakten zu gewähren. Somit sieht sich Primark dazu berechtigt, Entgelt zurückzuhalten.

Worum geht es konkret? Primark hatte sich in einem Schreiben an den betroffenen Mitarbeiter gewandt und darauf verwiesen, dass dieser in den vergangenen zwölf Monaten häufig erkrankt gewesen sei, zuletzt mehrere Wochen im Februar. Der Textilhändler sieht den Mitarbeiter in der Pflicht, nachzuweisen, dass es sich um eine neue Erkrankung handelt. Hintergrund, auf den Primark wohl anspielt: Ist ein Mitarbeiter länger als sechs Wochen am Stück krankgeschrieben, ist der Arbeitgeber ab Tag 43 nicht länger zur Lohnfortzahlung verpflichtet – wenn es sich um dieselbe Krankheit handelt. Stattdessen springt ab dann die Krankenkasse ein und zahlt ein niedrigeres Krankengeld.

Bekleidung: Konzern Primark aus Irland in Saarbrücken
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Bekleidungsriese Primark in der Innenstadt von Saarbrücken

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Foto: Matthias Zimmermann (hgn)

Scharfe Kritik am Primark-Vorgehen von Verdi und Fachanwalt

Nicht nur die Arbeitnehmerseite hatte Primarks Vorgehen als unrecht gegeißelt. Unterstützung kam auch von Martin Abegg. Der Saarbrücker ist Fachanwalt für Arbeitsrecht. Er sagte der Saarbrücker Zeitung: „Der Arbeitgeber hat keinerlei Anspruch auf die Einsicht in die Krankenakten.“ Alles andere sei ein Verstoß gegen den Datenschutz.

Unternehmenssprecherin Julia Ley rechtfertigte indes die Personalabteilung. Sie verwies auf aktuelle Urteile von Arbeitsgerichten. „Das Vorgehen ist grundsätzlich gerechtfertigt.“ Die Beschäftigten würden entsprechend geschult.

So reagiert Primark auf die Androhung einer Arbeitrechtsklage

Auch die Klageandrohung gegen den Konzern von Verdi und das erbitterte Veto durch den Fachanwalt scheinen Primark nicht zu beeindrucken. Waren dem betroffenen Mitarbeiter nach Verdi-Angaben zunächst fast 1600 Euro entgangen, soll der Konzern in einem nächsten Schritt weiteren Lohn einbehalten haben. Dieses Mal gehe es um mehrere 100 Euro, berichtet Koch.

Der SZ liegen Unterlagen vor, die die Gangart des aus Irland stammenden Kleiderdiscounters bestätigen. Demnach will Primark Einsicht in ärztliche Diagnosen „für sämtliche Erkrankungen für die letzten zwölf Monate“. Ansonsten werde die Lohnfortzahlung gestoppt.

Die Krankenversicherung hatte in einem Schreiben an das Unternehmen bestätigt, dass es sich um eine neue Erkrankung handelt, die nichts mit der ersten zu tun habe. Details zur Krankheit selbst gab die Kasse nicht preis. Das reicht Primark offenbar nicht.

Verdi spricht von Rechtsbruch, den Primark begeht. Denn: „Die Diagnosen und Befunde gehen nur den Betroffenen und die behandelnden Ärzte etwas an“, schreibt Verdi in einer Mitteilung. Rechtsanwalt Abegg bestätigt diese Auffassung. Es gehe Primark und jeden anderen Arbeitgeber nichts an, „welche Krankheit vorher war und jetzt ist und auch nicht warum“.

Die Redaktion bat Unternehmenssprecherin Ley am deutschen Verwaltungssitz in Essen nach der neuerlichen Lohnkürzung sowie der Ankündigung rechtlicher Schritte durch Verdi mehrfach um eine Stellungnahme. Die Anfragen blieben bislang unbeantwortet.