„Spürbare Auswirkungen“: Unruhen schaden Hongkongs Wirtschaft

„Spürbare Auswirkungen“ : Unruhen schaden Hongkongs Wirtschaft

Die Demonstrationen in Hongkong schaden der Wirtschaft der chinesischen Sonderverwaltungsregion. „Die anhaltenden Unruhen haben spürbare Auswirkungen auf das gesamte Vertrauen der Geschäftsleute in Hongkong“, sagte der Chefrepräsentant der deutschen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Hongkong, Wolfgang Niedermark, der dpa.

Er verwies auf die jüngste Abstufung der Kreditwürdigkeit des asiatischen Wirtschafts- und Finanzzentrums durch die internationalen Ratingagenturen Fitch und Moody's, die auch einen „negativen“ Ausblick für Hongkong gaben.

Den Schaden für die Wirtschaft hat Regierungschefin Carrie Lam bereits mit der Krise durch den Ausbruch der schweren Lungenkrankheit Sars 2003 und der globalen Finanzkrise 2008 verglichen. Die Zahl der Touristen ist im August um 39,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gefallen - soviel wie seit der Sars-Seuche nicht mehr. Der Einzelhandel leidet schwer, und viele Hotels stehen halbleer, während sich die Metropole am Samstag für das 16. Wochenende mit Protestaktionen in Folge rüstete. Aktivisten kündigten auch wieder „Stress-Tests“ für den Flughafen an, indem sie Zugänge blockieren.

Als Drehscheibe in der Asien-Pazifik-Region hänge Hongkong für Tourismus, Handel und Logistik stark von einer verlässlichen Flughafeninfrastruktur ab, sagte AHK-Repräsentant Niedermark. Die Proteste und Störungen des Flughafens hätten zu „historisch niedrigen Besucherzahlen über den Sommer geführt und den Status Hongkongs als sicheres Ziel für Geschäftsreisen beeinträchtigt“. Deutsche Unternehmen wahrten einen „vorsichtigen, jedoch hoffnungsvollen Ausblick für Hongkong“. Probleme gebe es im Verkauf, Betrieb, Transport, bei den Geschäftszeiten und der Arbeitsmoral.

Die meisten sähen ihre Geschäfte zwar nicht schwer geschädigt, aber Unternehmen im Luxussegment oder im Gastgewerbe seien „durch die anhaltenden Proteste stark betroffen“, sagte Niedermark. Viele hätten kurzfristige Notfallpläne in der Schublade, planten den Haushalt für 2020 vorsichtiger, passten den Betrieb an und böten ihre Beschäftigten Optionen für Heimarbeit an, sagte Niedermark. „Jedoch hat keines unserer Mitgliedsunternehmen größere Anpassungen seiner langfristigen Geschäftsstrategie berichtet.“

Seit vier Monaten demonstrieren Hongkonger gegen die eigene Regierung, die kommunistische Führung in Peking und ihren wachsenden Einfluss auf die frühere britische Kronkolonie. Auch werden freie Wahlen gefordert. Seit der Rückgabe 1997 an China wird das Territorium unter chinesische Souveränität nach dem Grundsatz „ein Land, zwei Systeme“ autonom regiert. Anders als die Menschen in der Volksrepublik genießen die Hongkonger Rechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit, sehen diese aber zunehmend bedroht.

Schon vor den Protesten litt Hongkongs Wirtschaft unter dem Handelskrieg der USA mit China - jetzt warnen Ökonomen vor einer Rezession. Das Wirtschaftswachstum erreichte im zweiten Quartal nur 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Unruhen haben auch nach Einschätzung von Finanzsekretär Paul Chan „das Image Hongkongs als sichere Stadt und internationale Drehscheibe der Geschäftswelt, des Handels, Luftverkehrs und der Finanzen beschädigt“.

Die Zerstörungswut und Behinderungen des Transportnetzes hätten nicht nur den Alltag der sieben Millionen Hongkonger, sondern auch viele internationale Konferenzen, Ausstellungen und große Veranstaltungen beeinträchtigt, beklagte Chan. So verschoben die Organisatoren der Hong Kong Open das internationale Tennisturnier Anfang Oktober. Auch das Musical „Matilda“ wurde verlegt. „Wir können nicht die Sicherheit und das Wohlergehen unserer internationalen Truppe garantieren, die aus vielen jungen Kindern besteht“, teilte der Veranstalter mit.

Mit dem Hinweis auf Einbrüche im Einzelhandel im August von mehr als 50 Prozent forderte der Hongkonger Einzelhandelsverband Vermieter auf, die Mieten über sechs Monate zu halbieren, um den Geschäften über die schwierige Zeit zu helfen. Im Juli waren die Umsätze bereits um 11,4 Prozent gefallen. Besonders Reisende aus China, die gut drei Viertel der Touristen stellen, bleiben weg. Im August fiel die Zahl aus der Volksrepublik um 42,3 Prozent, so die Tourismuskommission.

Der internationale Flughafen, der bisher schon zweimal Ziel von Protestaktionen wurde und Flugausfälle hinnehmen musste, erlebte im August den größten monatlichen Passagier-Rückgang seit einem Jahrzehnt. Im August kamen 12,4 Prozent weniger Reisende. „In den vergangenen Monaten gab es zeitweise riesige Herausforderungen für den Flughafenbetrieb“, sagte Flughafenchef Ng Chi-kee.

Auch unter Hinweis auf die „ungewisse“ Situation und den wachsenden Einfluss Pekings auf Hongkong wies der Londoner Aktienmarkt (LSEG) ein Kaufangebot der Hongkonger Börse (HKEX) mit einem Umfang von 33 Milliarden Euro zurück. „Wir stellen langfristig die Nachhaltigkeit der Position von HKEX als strategische Schnittstelle in Frage.“

AHK Hongkong

Finanzsekretär

Fitch

Wachstumsvorhersage

Mehr von Saarbrücker Zeitung