Trostpflaster für die Seele

Trostpflaster für die Seele

Er taugt zum Publikums-Hit, der neue dreiteilige Ballettabend des Saarländischen Staatstheaters. Britten, Bartók, Strawinsky werden vertanzt – ohne avantgardistischen Ehrgeiz, aber mit viel Gefühl. Die Premiere am Samstag wurde enthusiastisch aufgenommen.

In Tagen wie diesen, da uns die Welt um die Ohren zu fliegen droht, braucht man wohl Theaterabende wie diesen: berückend und berührend, eingängig und anschaulich, ein Trostpflaster für die Seele, ein Festmahl für den Schönheitshunger. Zwei Stücke der dreiteiligen Produktion, die die Namen ihrer Choreografen trägt - "Kylián_Celis_Chaix" - sind Neuinterpretationen erzählerischer Repertoireschlager der Ballettgeschichte: Bela Bartóks "Wundersamer Mandarin", 1926 ein Skandalstück, weil ins Prostituierten-Milieu verlegt, und Igor Strawinskys folkloristisches "Feuervogel"-Märchen (1910), das früher gern in Prunk und Exotik badete. Nicht in Saarbrücken. Der Gast Martin Chaix, der aus der gefeierten Martin-Schläpfer-Compagnie (Düsseldorf) stammt, verwandelt den "Feuervogel" in eine moderne, packende Eifersuchtsgeschichte. Sie spielt in einer puristisch-coolen, von geometrischen Zeichen und Schwarz-Weiß-Kontrasten dominierten Bühnenwelt, die durch Gaze-Wände und golden flirrende Stäbe ins Träumerische verrückt wird. Von wegen böser Zauberer, liebreizendes Zwitschervögelchen und Prinzessinnen. Bei Chaix beißt Iwan (Francesco Veccione) kräftig in Evas Apfel, folgt seinem kecken Eros (Stacey Aung) und dringt ins Unisex-Straßen- und Party-Revier eines anderen ein (Kostüme: Catherine Voeffray). Am Ende muss Zauberer Kaschtschei (Ramon John) die junge Frau (Jin Young Won) frei geben, die er allzu besitzergreifend liebt. Und wie die beiden dieses Loslassen und Zurückzerren, das Wegstreben und Wiederverschmelzen tanzen, wie Chaix sie herumwirft und herumwirbelt zwischen Zärtlichkeit und Aggression, das ist ganz großes Gefühlskino. Zugleich atmet diese schlanke "Feuervogel"-Version Coolness, stellt einen weichfluffigen, lässigen Tanzstil vor, den die Compagnie mit Bravur meistert.

Zuvor, in Stijn Celis‘ "Mandarin", mussten die Tänzer einen konträren Körpermodus zeigen: zackig und verquer, kraftvoll-athletisch, gestisch-pathetisch. Celis belässt es bei der "Ballettpantomime" zu expressionistisch aufgepeitschten Bartók-Klängen. Aufbäumen und Drohen setzt Christopher Ward mit dem Staatsorchester hervorragend um. Wieder geht es um die erlösende Kraft der Liebe. Erst in den Armen der Dirne kann der reiche Chinese nach mehreren Mordattacken der Zuhälter sterben. Die einst provokante, heute banale Sex-and-Crime-Story ließe sich in Richtung zeitgenössisches Sozialdrama drehen. Doch Celis färbt den Stoff grotesk ein, schiebt ihn in eine lichtarme Stahlbunker-Kulisse aus umgekippten Riesenwänden, in der die Figuren gefährdet wirken (Bühne und Video: Christian Held). Hier lockt das Weib auf dem Straßenstrich: Liliana Barros, eine giftgrüne Satin-Natter mit zerrissenen Netzstrümpfen (Kostüme: Catherine Voeffray) - die Idealbesetzung. Wie ein Raubvogel reckt Barros den Kopf vor, lauert in der Hocke und bäumt sich unter den Gewaltattacken zu einer gefährlich spitzen Waffe auf. Obwohl Celis mit dem dicken Pinsel aufträgt, gelingt ihm eine einfühlsame, anrührende Charakterzeichnung. Auch Saúl Vega-Mendoza (Mandarin) erlebt man als einen Schmerzensmann von Würde. Mutig ist diese "Mandarin"-Version nicht, aber stimmig.

Perfekt wie ein Kieselstein

Liliana Barros überzeugt als Hure im ,,Wundersamen Mandarin“, Ramon John gibt den brutalen Zuhälter. Fotos: Bettina Stöß.

Sinn-Rätselei wird uns diesmal generell nicht zugemutet. Selbst Jiri Kylíans metaphysich grundiertes "Vergessenes Land" (1981) zu Benjamin Brittens "Sinfonia da requiem" (1941) lässt, obwohl keinerlei Handlung vorliegt, vielfache inhaltliche Füllungen zu. Die Saarbrücker Compagnie ist erst die dritte, die diesen Klassiker einstudieren durfte. Chapeau: Auch das Saarbrücker Publikum weiß jetzt, warum "Vergessenes Land" so berühmt ist: Es ist mächtig, menschlich, massiv. Perfekt wie ein Kieselstein. Wir treffen sechs Paare vor einem in Dunst getauchten Morgenrot am Strand. Es wird sich aufhellen, verblassen und verdüstern. Alle Schattierungen dieses Hoizontes - verwischtes Grau, sanftes Beige, flirrendes Rot - kehren in den weich fließenden langen Kleidern und Männer-Anzügen wieder (Bühne/ Kostüme: John Macfarlane) - welch ein augenschmeichelndes Fest. Es geht um Kommen und Gehen, um Werden und Vergehen, letztlich um Tod und Verschwinden. Wir tauchen ein in einen kreatürlichen Kreislauf, tänzerisch amalgamieren Eleganz und Natürlichkeit. Die Tänzer absolvieren viele Hebungen, transportieren fließende Energien, recken und strecken sich in extreme Diagonalen. Doch selbst bei dieser schmerzhaft schönen Elegie, die uns über das Bedeutungssuchen hinaushebt, wird Tanz nicht zu einem visuellen Spiel, das uns verwirren könnte. "Kylian_Celis_Chaix" gönnt uns nun mal eine kleine Auszeit vom anstrengenden, provokanten Theaterfach.

Weitere Termine: 9. , 24., 29. April, 3., 8., 21. Mai. Karten:

Tel. (06 81) 30 92 486.

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