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Saarstahl Dillinger Hütte Eigenständigkeit

Stahlindustrie : „Die Lage bei Saarstahl ist gut“

Der Chef der Stahl-Holding-Saar (SHS) sieht die Chancen für die saarländische Stahlindustrie in ihren hochwertigen Produkten.

Die saarländische Stahlindustrie hat aufregende Tage hinter sich. In der vergangenen Woche wurde die Teil-Stilllegung der Saarschmiede beschlossen, was mit einem Abbau von rund 430 Arbeitsplätzen verbunden ist. Wenige Tage später segnete der Saarstahl-Aufsichtsrat eine 100 Millionen teure Investition in eine neue Stranggießanlage im Völklinger Stahlwerk ab. Über die Situation der saarländischen Stahlindustrie haben wir nach den Aufsichtsratssitzungen mit  dem Kuratoriumsvorsitzenden der Montan-Stiftung Saar, Michael Müller, gesprochen. Müller ist auch Vorsitzender der Geschäftsführung der SHS-Stahl-Holding-Saar, der Obergesellschaft der Dillinger Hütte und der Saarstahl AG. Außerdem ist er Aufsichtsratsvorsitzender der beiden Gesellschaften.

Die Stahlmärkte haben sich ein wenig erholt. Ist das von Dauer oder kann sich der Wind wieder drehen?

MÜLLER Das Stahlgeschäft ist sehr volatil. Das Blatt kann sich rasch wieder wenden. Es ist auch abhängig davon, wie die Politik auf Dumpingpreise reagiert. Derzeit schotten die USA ihren Stahlmarkt ab, was insbesondere die deutschen Stahlproduzenten Dillinger Hütte und Salzgitter trifft. Derzeit ist die Situation in den Vereinigten Staaten so, dass an den Zöllen festgehalten wird beziehungsweise sie noch erhöht werden sollen. Wir können heute nicht mehr in die USA liefern. Gegenüber China hat die EU-Kommission bei den Grobblechen, dem Kernprodukt der Dillinger Hütte, Positives bewirkt. Doch dann kommen plötzlich Indien und Südkorea mit Mengen und Preisen auf den Markt, gegen die man auch antreten muss. Bei den hohen Grobblech-Importen hat sich daher nichts verändert. Die Einfuhren haben sich nur verlagert. Damit müssen wir auch in Zukunft leben. Wir werden das auch schaffen. Denn wir haben Herstellungsverfahren, die hinsichtlich ihrer Produkt-Qualität Weltspitze sind. Solche Produkte benötigt zwar nicht jeder, mancher ist auch mit einfacheren Qualitäten zufrieden. Aber es gibt auch einen Bedarf für hochwertige Produkte – und das ist unsere Zukunft.

Wie sieht es bei der zukünftigen Ausgestaltung des Emissionszertifikate-Handels auf EU-Ebene aus?

MÜLLER Hier haben wir die Unterstützung der Landesregierung und von Teilen der Bundesregierung. Wir hoffen, dass sich in der EU-Kommission und im Parlament eine eher maßvolle Position durchsetzt. Mit Entscheidungen rechnen wir allerdings erst nach der Bundestagswahl.

Wie gut sind denn die Unternehmen ausgelastet?

MÜLLER Hier sind wir auf einem guten Weg. Wir können die rund 4,6 Millionen Tonnen Roheisen, die wir in den Dillinger Hochöfen der Rogesa jährlich erschmelzen, in den beiden Stahlwerken weiterverarbeiten und am Markt absetzen. Das ist eine Leistung, die man nicht geringschätzen darf.

Die Auslastung ist das eine, Umsatz und Erträge das andere. Wie sieht es denn da aus?

MÜLLER Die Lage bei Saarstahl ist gut und die Umsatzerlöse haben sich deutlich verbessert. Das hängt mit der guten Auslastung sowohl in der Automobil-Industrie, als auch in der Bauwirtschaft und beim Maschinenbau zusammen. Diese Branchen laufen derzeit gut und die Preise steigen. Deswegen werden wir auch in Völklingen ein zufriedenstellendes Jahresergebnis erzielen.

Wie sieht es in Dillingen aus?

MÜLLER Das Grobblech erlebt nicht den gleichen Siegeszug wie die Völk­linger Langprodukte. Dennoch können wir 2017 den Umsatz gegenüber dem Vorjahr deutlich steigern. Das liegt daran, dass die Versand-Mengen steigen, aber auch höhere Preise erzielt werden können. Allerdings war das Jahr 2016 wegen der Dumping-Problematik bei Mengen und Preisen besonders schwach. Wir können in diesem Jahr 150 000 Tonnen mehr an Grobblechen absetzen. Daher haben wir in Dillingen auch eine spürbare Ergebnis-Verbesserung. Aber wir sind noch nicht richtig positiv, sondern eher ausgeglichen.

Erfüllt denn die Investition in die neue Stranggieß-Anlage CC6 in Dillingen, die vor einem Jahr in Betrieb ging und 400 Millionen Euro gekostet hat, die Erwartungen?

MÜLLER Wir haben in der Aufsichtsratssitzung von Technik-Vorstand Bernd Münnich gehört, dass die Anlage gut ausgelastet ist, alle Erwartungen erfüllt und teilweise sogar übertrifft. Wir können dort Stähle in hoher Qualität herstellen. Außerdem ist die Fertigung wesentlich produktiver als bei anderen Anlagen. Für unsere Kunden bringt die CC6 zum Beispiel einen geringeren Schweißaufwand bei größeren Bauteilen, und damit auch einen Zeitgewinn bei der Ausführung solcher Aufträge.

Wie lange kann sich die saarländische Stahlindustrie noch als eigenständige Einheit halten? Muss sie nicht irgendwann auf Partnersuche gehen?

MÜLLER Wir sind ein Stiftungsunternehmen. Die Montan-Stiftung Saar hat eine klare Aufgabe, nämlich die Sicherung der saarländischen Stahlindustrie. Alles was wir tun, hat unter diesem Gesichtspunkt zu erfolgen. Börsennotierte Unternehmen haben einen gänzlich anderen Fokus hinsichtlich der Aktionärsstruktur und der Gewinnverwendung. Das Geld, das wir hier verdienen, soll auch an der Saar investiert werden – und vielleicht auch außerhalb des Saarlands, wenn es der saarländischen Stahlindustrie nützt. Die Stahlunternehmen schütten gerade einmal eine Million Euro an die Stiftung aus, damit wir unsere Aufgaben erfüllen  können. Uns geht es mit dem „Stand alone“ gut, und wenn wir mit anderen reden, müssen wir uns fragen: „ist es für uns an der Saar hilfreich?“. Wir können keine Kooperationen eingehen, die zu Lasten der saarländischen Stahlindustrie gehen.

Wohin führt dieser Weg?

Foto: SZ/Baltes, Bernhard
SHS-Chef Michael Müller. Foto: Oliver Dietze

MÜLLER Wir werden uns im Vertrieb stärker internationalisieren. Eine von uns unlängst in Auftrag gegebene Marktanalyse zeigt, dass wir uns noch stärker in Osteuropa engagieren sollen. Das betrifft sowohl die osteuropäischen EU-Staaten, als auch Russland. Außerdem müssen wir mit unseren Schlüsselkunden auf technischer Ebene noch stärker zusammenarbeiten und auf deren Bedürfnisse eingehen. Auch unsere Forschung und Entwicklung müssen wir weiter vorantreiben – sowohl zusammen mit unseren Schlüsselkunden als auch mit Hochschul-Instituten. Ebenso gilt es, den Ausbau von Digitalisierung und Industrie – hier sind wir schon mitten drin – weiter fortzusetzen. Das wird uns auch den Vorsprung sichern, den wir brauchen.