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Peter Hartz kämpft weiter für die Jugend

Peter Hartz kämpft weiter für die Jugend

Er lässt Jugendliche gemäß ihren Talenten fördern, vermittelt grenzübergreifende Ausbildungen. Peter Hartz wirbt für unkonventionelle Lösungen gegen Jugendarbeitslosigkeit.



Brüssel. Aufgeben will er nicht. Der Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Europa bleibt eine Herzensangelegenheit von Peter Hartz. Und doch klingt Enttäuschung in seiner Stimme mit. "Unbegreiflicherweise ist das kein Thema, das die Entscheider elektrisiert", sagt der frühere VW-Personalchef und Vordenker der nach ihm benannten Arbeitsmarktgesetze.

Vor zwei Jahren hatte Hartz mit seiner Initiative Europatriates Vorschläge erarbeitet, wie die EU die Arbeitslosigkeit junger Leute angehen könnte. "Wir müssen das jetzt machen", hatte der heute 74-Jährige damals gesagt. Doch in Brüssel und den Regierungen der Mitgliedstaaten zündet die Initiative bisher nicht, obwohl die EU-Kommission unter dem Schlagwort "Jugendgarantie" selbst darauf drängt, massiv gegen Jugendarbeitslosigkeit vorzugehen. Vermutlich schreckten die Kosten, obwohl Dauerarbeitslosigkeit immer teurer ist als Ausbildung und Qualifizierung. Bis zu 40 000 Euro pro jungem Arbeitslosen würde die Umsetzung des Programms kosten, schätzt Hartz. Bei vor zwei Jahren rund fünf Millionen Betroffenen - heute sind es rund 4,4 Millionen - ergab sich die Summe von 200 Milliarden Euro. Zur Finanzierung hatte er ein sogenanntes Ausbildungszeit-Wertpapier angeregt, einen Fonds, aufgelegt von der Europäischen Investitionsbank (EIB).

Hartz wirbt unermüdlich für seine Idee, in Brüssel und auf Reisen in diverse europäische Länder. "Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir das Thema zu den Entscheidern bringen können", sagt er. Dass also EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker und die Regierungschefs von Angela Merkel bis Alexis Tsipras das Projekt entdecken und vorantreiben. Die Idee von Europa könnte einen neuen Schub bekommen, wenn die EU jungen Leuten zu einer Ausbildung verhelfen würde und sie Perspektiven bekämen.

Im Juni 2014 hatte Hartz zu einem Experten-Kongress in Saarbrücken geladen. Und seitdem gebe es auch Fortschritte im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit. "In Europa laufen einige Pilotversuche. Wir beweisen damit, dass es funktioniert", sagt Hartz. Grundidee von "Europatriates" ist es, Jugendliche gemäß ihren individuellen Talenten zu fördern und ihre Mobilität zu erhöhen. Die jungen Leute aus einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit sollen befristet in ein anderes Land vermittelt werden, wo sie Berufserfahrung und Qualifikationen für eine spätere Tätigkeit in der Heimat sammeln können. Eine Talent-Diagnostik hilft, den richtigen Beruf anzupeilen. Und ein "Beschäftigungsradar" soll regional Branchen identifizieren, in denen Jobs entstehen können.

In Deutschland läuft gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesarbeitsministerium das Programm Mobi-Pro-EU. Darüber sind im vergangenen Jahr 19 Spanier ins Saarland zur Ausbildung gekommen, in diesem Jahr wird Hartz zufolge eine weitere Gruppe mit 33 Teilnehmern folgen. Inzwischen sind in Zusammenarbeit mit der Universität Bochum in mehreren europäischen Ländern Projekte gestartet, um auch vor Ort berufliche Perspektiven zu eröffnen.

Und in der Finanzierungsfrage gibt es weitere Ansätze. So entwickelt sich - noch in kleinem Rahmen - das Modell sogenannter "wirkungsorientierter Investitionen". Über spezielle Fonds wird privates Geld zur Finanzierung sozialer Projekte mobilisiert. In Großbritannien, aber auch in Deutschland sammeln private Investoren erste Erfahrungen damit. "Paradebeispiel wäre die Jugendarbeitslosigkeit", um diese neuen Finanzinstrumente anzuwenden, sagt Hartz. Für ihn ist klar. "Wir müssen jeden Tag an diesem dicken Brett bohren."

Zum Thema:

Hintergrund Europatriates ist eine Initiative der SHS Foundation "Saarländer helfen Saarländern". Sie wirkt unter anderem mit an dem Mobi-Pro-EU-Programm von Bundesarbeitsministerium und Bundesagentur für Arbeit . Der Ansatz: In anderen EU-Ländern sind viele junge Leute arbeitslos, hier in Deutschland suchen viele Arbeitgeber nach Lehrlingen. So können alle profitieren. Die Spannbreite in der Ausbildung reicht von Gärtner über Koch bis Elektroniker. 19 Spanier haben im vergangenen Jahr eine Ausbildung angefangen, in den nächsten Wochen kommen weitere 33 Spanier ins Saarland, um mit einem Praktikum in ihre Ausbildung zu starten. Weitere Projekte mit je zwölf bis 15 Teilnehmern sollen im Herbst in verschiedenen Ländern starten. An den Pilotprojekten beteiligen sich Partner aus Bulgarien, Ungarn, Litauen, Griechenland und Spanien. mzt