Noch viele Drückeberger

Eigentlich müssten alle Metallbauer seit mehr als zwei Jahren eine EU-weit gültige Norm erfüllen und sich dafür zertifizieren lassen. Doch das hat noch längst nicht jeder getan. Das verursacht einigen Ärger.

Es geht um viel Geld für die Metallhandwerker. Ob sie Aufträge für den Bau von Balkonen, Geländern, Treppen, Carports oder Wintergärten bekommen oder ihre Rechnungen bezahlt werden, hängt nicht zuletzt von der EU-weit gültigen Richtlinie Din EN 1090 ab. Alle, die mit Stahl oder Aluminium bauen, müssen seit dem 1. Juli 2014 nicht nur fachmännisch konstruieren, schweißen und montieren, sondern auch ihre Leitungen dem Kunden dokumentieren, mit dem CE-Zeichen garantieren - und sich dafür zertifizieren lassen. "Es ist wie beim Führerschein . Wer keinen Führerschein hat, darf nicht Auto fahren", sagt Dominik Schömer, Experte der Handwerkskammer des Saarlandes für diese Norm. Doch sind im Metallhandwerk noch viele ohne "Führerschein " unterwegs. Im Saarland hätten sich erst ungefähr 60 Prozent der 360 Metallhandwerks-Betriebe zertifizieren lassen, schätzt Schömer.

"Einige Betriebe lehnen die Zertifizierung ab", sagt er. Sie möchten offenbar weiterarbeiten wie bisher. "Am Anfang war auch Geld ein Problem." Es standen Kosten von bis zu 15 000 Euro im Raum, sagt Schömer. Die Handwerker waren entsetzt. "Acht Betriebe meldeten sich innerhalb von acht Tagen und sagten: ,Wir machen unseren Betrieb dicht‘", erzählt Peter Bollinger von der Landesinnung Metall. Kammer und Innung suchten daraufhin Partner, um den Umfang der auch für große Industriebetriebe ausgelegten Zertifizierung auf die geringeren Bedürfnisse von Handwerkern zuzuschneiden. Die Kosten lägen heute bei rund 3500 Euro, sagt Schömer. In der Folge stieg die Zahl derer, die die Zertifizierung angingen.

Inzwischen ärgern sich die Handwerker , die den Aufwand nicht gescheut haben, über die Drückeberger. Die nicht-zertifizierten Unternehmen können in Ausschreibungen günstiger anbieten und bekommen nicht selten den Zuschlag, weil die Normerfüllung "nicht in den Ausschreibungsunterlagen drinsteht", beklagt Schömer. Der Grund dafür: Die Kunden , Architekten, Statiker und öffentliche Verwaltungen wüssten noch zu wenig über die Din EN 1090. Die Folge "sind Wettbewerbsnachteile für diejenigen, die alles normkonform machen". Mit Informations-Initiative halte die Innung dagegen - auch für Privatkunden. Denn auch sie sollten darauf achten, einen zertifizierten Betrieb zu beauftragen.

N och etwas ärgert die Betriebe, die nach Recht und Gesetz handeln: dass Planer in Ausschreibungen eine Art "Angstzuschlag" erheben, wie Schömer sagt. Die Norm hat verschiedene Stufen, ein normaler Handwerker erfüllt in der Regel Stufe 2, die Arbeiten auch in öffentlichem Auftrag erlaubt. In Ausschreibungen werde aber zuweilen unnötigerweise eine höhere Stufe verlangt. Aus Unkenntnis, wie Schömer sagt. Und zum Nachteil von Handwerkern. Er weiß von einem Betrieb, der dadurch einen Auftrag im Umfang von 145 000 Euro verloren habe .

S chömer und Bollinger warnen aber auch die Betriebe, die sich nicht zertifizieren lassen wollen. Es könne passieren, dass Kunden die Zahlung verweigern oder zumindest einen kräftigen Preisnachlass verlangen, wenn sich herausstellt, dass die Zertifizierung fehlt. Daher "empfehle ich jedem Metallbauer, sich zertifizieren zulassen", sagt Landesinnungsmeister Martin Jakob. Dann habe er auch alle Vorteile auf seiner Seite, ergänzt Bollinger. Er sieht die Normerfüllung weniger als Last, denn als Chance. Das habe sich inzwischen herausgestellt.

Die Din EN 1090 ist "nicht nur eine rein technische Norm, sondern ist auch auf das Kaufmännische und Betriebswirtschaftliche bezogen", erläutert Bollinger. "Sie bietet die Möglichkeit, innerbetriebliche Prozesse und Strukturen zu verbessern - von der Materialbestellung bis zur Mitarbeiterauslastung." Und von so manchem Betrieb komme daher die positive Resonanz: Der Aufwand für die Ze rtifizierung "hat sich rentiert".

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