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Neue Medikamente in der Kritik

Neue Medikamente in der Kritik

Neu entwickelte Medikamente bringen längst nicht immer einen Mehrwert für die Patienten. Darauf weist Josef Hecken hin, Vorsitzender des überparteilichen Bundesausschusses, der festlegt, welche Leistungen die Kassen der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlen müssen.

. Schwer kranke Patienten klammern sich an jeden Strohhalm. Und deshalb auch an neu entwickelte Medikamente. Dafür äußert Josef Hecken Verständnis, Vorsitzender des aus 13 Mitgliedern bestehenden überparteilichen gemeinsamen Bundesausschusses. Dieser legt fest, welche Leistungen die Kassen der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlen müssen. Hauptkriterium für die Beurteilung neuer Medikamente sei der erkennbare Mehrwert für den Patienten , so Hecken. Nur dann könne man auch vertreten, dass diese Leistung aus dem Solidartopf der Versicherten bezahlt wird, sagte Hecken gestern in einem Vortrag vor dem CDU-Wirtschaftsrat in Saarbrücken . Wegen dieses Solidarprinzips beinhalte die Gestaltung der künftigen Gesundheitspolitik auch den größten Sprengstoff, erklärten der Vorsitzende des Wirtschaftsrates, Wolfgang Holzhauer, und Hecken übereinstimmend. Der Bundesausschuss komme bei der Prüfung neuer Medikamente immer häufiger zu einem negativen Ergebnis. "50 Prozent der neuen Wirkstoffe, die wir in den letzten fünf Jahren beurteilt haben, bringen keinen zusätzlichen Nutzen." Diese Beurteilung habe zu Einsparungen im Gesundheitswesen von zwei Milliarden Euro geführt.

Hecken fordert, Patienten umfassender über mögliche Nebenwirkungen eines neuen Medikaments zu informieren. Eine eher kritische Haltung könne hier vor zusätzlichen Qualen bewahren. Hecken fragt auch, ob es vertretbar ist, einem Patienten mit einer Krankheit im Endstadium noch ein Medikament zu verabreichen, das 80 000 Euro kostet, zusätzliche quälende Nebenwirkungen mit sich bringt und das Leben nur um etwa 100 Tage verlängert. Über den Umgang mit solchen Grundsatzfragen und den Grenzen der Medizin müsse eine ethische Debatte geführt werden.

Zweifel äußert Hecken auch am Sinn eines Beschlusses des Bundesverfassungsgerichts. Demnach hat ein Patient in auswegloser Situation Anspruch, mit allem versorgt zu werden, selbst mit Arzneimitteln aus dem Ausland, die in Deutschland nicht zugelassen sind. Haupt-Herausforderung für die Gesundheitspolitik sei die Möglichkeit der Behandlung von immer mehr Krankheiten, die früher als nicht behandelbar galten. Deshalb müsse die Politik mehr Möglichkeiten suchen, Einnahmen unabhängiger vom beitragspflichtigen Einkommen der Versicherten zu gestalten. Die jährlichen Leistungsausgaben liegen derzeit bei 204 Milliarden Euro, stellte Hecken klar, der von 2004 bis 2008 Gesundheitsminister im Saarland war.