1. Nachrichten
  2. Wirtschaft

Nachwuchsmangel bereitet Unternehmen im Saarland Schwierigkeiten

Serie Ausbildung 2018 : Die fieberhafte Suche nach Lehrlingen

2400 Lehrstellen sind offen, 1300 junge Leute auf der Suche. Für viele ist diese Bilanz zum Start des Ausbildungsjahrs eher ernüchternd.

Der Nachwuchsmangel bereitet Unternehmen und Handwerk im Saarland immer mehr Schwierigkeiten. Derzeit sind an der Saar nach Angaben der Agentur für Arbeit rund 1300 junge Menschen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, demgegenüber stehen 2400 offene Ausbildungsstellen. Das Saarland ist damit keine Ausnahme: Bundesweit hatten im Juli 140 000 Ausbildungssuchende noch keine Lehrstelle gefunden, 201 000 Ausbildungsstellen blieben unbesetzt.

Von einer „ernüchternden Bilanz“ zum Start des Ausbildungsjahres spricht der Verband „Die Familienunternehmer“. Wolfgang Herges, Mitglied im Landesvorstand Saarland, sagt: „Jedes Jahr wird es für Familienunternehmen schwieriger, Auszubildende zu finden und so die Fachkräfte von morgen auszubilden.“ In mehreren Branchen sei es laut Verband besonders schwer, Nachwuchs zu bekommen: Gastronomie, Hotellerie, Bäcker- und Fleischerhandwerk, Lebensmittelverkauf, Reinigungsbereich, Berufskraftverkehr sowie Bau- und Ausbaugewerbe.

In der Baubranche fehlen beispielsweise saarlandweit aktuell 330 Azubis. Da nutzt es auch nichts, dass Bau-Azubis nach einer Untersuchung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zu den Bestverdienern unter allen Auszubildenden gehören. In diesem Jahr sei noch einmal ein monatliches Plus von 65 Euro dazugekommen, teilt der Bezirksverband Saar-Trier der Industriegewerkschaft (IG) Bauen-Agrar-Umwelt mit. So starte ein angehender Maurer oder Betonbauer nun mit 850 Euro pro Monat ins erste Lehrjahr. Im dritten Jahr seien es schließlich 1475 Euro.

Für viele Betriebe ist die schlechte Vorbildung der Bewerber das größte Hindernis, Auszubildende einzustellen. Das haben 57 Prozent der Befragten in einer Familienunternehmer-Umfrage angegeben. Darüber hinaus führt Wolfgang Herges den Azubi-.Mangel auf ein Imageproblem zurück. Ausbildungsberufe würden gesellschaftlich gering geschätzt.

So bewerten das auch die Handwerkskammer (HWK) und die Industrie- und Handelskammer (IHK) im Saarland. „Immer mehr Jugendliche entscheiden sich eher für ein Studium“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Heino Klingen, der die Entwicklung kritisch sieht. Den Trend zur Akademisierung beklagt auch Stefan Gerhard, der bei der Handwerkskammer das Geschäftsfeld Bildungszentrum verantwortet.
„Derzeit sind rund 400 Lehrstellen im Saar-Handwerk unbesetzt. Dies betrifft nahezu alle Gewerke“, sagt Gerhard. Die Zahl der offenen Lehrstellen belege, dass der Fachkräftemangel durch die demografische Entwicklung kein theoretisches Problem sei, sondern längst ein konkretes Risiko für die Handwerkskonjunktur im Saarland darstelle.

Die Handwerkskammer versucht gegenzusteuern, etwa mit ihrem Studienaussteigerprogramm „Vom Hörsaal ins Handwerk“ und der sogenannten Azubi-Hotline (06 81 5 80 98 09), unter der Ausbildungsberater zu erreichen sind. Zudem hat die HWK einen Kanal bei Youtube eingerichtet: Unter dem Stichwort „Mach Dein Ding!“ will die Kammer junge Menschen mit rund 15-minütigen Filmen über Handwerksberufe informieren.

Die IHK versucht ebenfalls, Jugendliche zu überzeugen, und wirbt mit Programmen für die duale Berufsausbildung. Zum Beispiel mit der seit 2015 laufenden Kampagne „Ausbildung – Das beste Training deines Lebens“. „Mit einer betrieblichen Ausbildung gibt es sehr gute Karrierechancen“, sagt Klingen.

Nach Ansicht von Wolfgang Herges müsse an mehreren Stellschrauben gedreht werden, um den Azubi-Mangel anzugehen. So möchte er etwa die Berufsorientierung an Schulen stärken und schlägt ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft an allen weiterführenden Schulen vor. „Des Weiteren brauchen wir endlich ein Einwanderungsgesetz, das sich daran orientiert, welchen Bedarf es in der Wirtschaft gibt“, sagt Herges. So könnten auch Nicht-EU-Bürger eine Ausbildung aufnehmen und sich hier ein Leben aufbauen. Er selbst  habe in seiner Firma Stahlbau Herges (St. Ingbert) positive Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht.

An ein Gesetz denkt auch Heino Klingen von der IHK, und zwar an ein „Fachkräftezuwanderungsgesetz“. Zugleich rät er, „Potenziale bei uns“ auszuschöpfen. „Nehmen wir die aktuelle Situation: 1300 junge Leute suchen und es gibt 2400 offene Stellen – bei einem so hohen Überhang an freien Ausbildungsstellen sollte für jeden etwas dabei sein“, findet Klingen.