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Streit bei Neuer Halberg Guss: Management schreibt Brief an die Mitarbeiter

Streit bei Neuer Halberg Guss : Management schreibt Brief an die Mitarbeiter

Das Management der Neuen Halberg Guss wendet sich jetzt direkt an die Mitarbeiter, um im Tarifstreit mit der IG Metall einen Punkt zu machen.

Der nächste Verhandungstermin zwischen der Gewerkschaft IG Metall und dem Management der Neuen Halberg Guss steht zwar fest, doch die Fronten scheinen noch immer verhärtet zu sein. Seit über drei Wochen sind die Mitarbeiter im Ausstand, wichtige Kunden spüren bereits die Lieferengpässe. Opel hat den Betriebsurlaub wegen des Streiks vorverlegt. VW muss die Produktion flexiblisieren. Und auch der Motorenhersteller Deutz ist durch das Fehlen von Motorenkomponenten massiv blockiert.

Ein runder Tisch mit dem Unternehmen, der Gewerkschaft und wichtigen Kunden ist in dieser Woche nicht zustandegekommen. Die Gewerkschaft wies darauf hin, dass sie nicht mit Kunden sondern dem Unternehmen verhandelt und dass Produktionsprobleme bei Kunden bei Streiks durchaus normal sind.

Jetzt hat sich das Management mit einem Brief direkt an die Mitarbeiter gewendet. Anbei der Brief im Wortlaut:

Liebe Halbergerinnen und Halberger!

Seit 21 Tagen dauert der von der IG Metall angeführte Streik nun an, und so wie es aussieht, ist die IG Metall weiterhin bestrebt, mit ihrer Blockadehaltung der NHG nachhaltig zu schaden. Wir sind davon überzeugt, dass die einzelnen Mitarbeiter nicht bereit sind, die NHG bis zur kompletten Handlungsunfähigkeit zu bestreiken und somit den eigenen Arbeitsplatz in Gefahr zu bringen. Weder Herr Selzer und noch Herr Geier stehen für konstruktive Gespräche zur Verfügung, da die Herren lieber auf Reisen oder in den Urlaub gehen, statt sich um die Belange des Standortes zu kümmern. Weiterhin verweigert die IG Metall sich einem Kundendialog im Rahmen eines runden Tischs, da offensichtlich die negativen Auswirkungen bei den Kunden beabsichtigt sind und die Interessen der Kunden und die Jobs der dort arbeitenden Kolleginnen und Kollegen der Gewerkschaft und dem Betriebsrat egal sind.

 Die Beschäftigten der Neuen Halberg Guss ziehen am Mittwoch (04.07.2018) mit einem Auto- und Motorradkorso durch Saarbrücken und treffen sich im Anschluss wieder am Werk in Brebach.
Die Beschäftigten der Neuen Halberg Guss ziehen am Mittwoch (04.07.2018) mit einem Auto- und Motorradkorso durch Saarbrücken und treffen sich im Anschluss wieder am Werk in Brebach. Foto: BeckerBredel

Verantwortung heißt auch verfügbar zu sein!

Als Geschäftsführer appellieren wir nochmals an die Vernunft und den gesunden Menschverstand jeden einzelnen Halbergers, um das Saarbrücker Werk zu retten und die leider nicht vermeidbare Schließung des Standortes in Leipzig nicht noch massiv zu beschleunigen.

Wenn die IG Metall ihren Kurs der absoluten Blockade in der Form weiterführt, werden die Halberger die Zeche für dieses verantwortungslose Verhalten der IG Metall zahlen müssen. Schlüsselkunden sind bereits massiv betroffen und weitere Arbeitsplätze sind auch bei den Kunden in Gefahr. Unsere Kunden verstehen nicht, wie ein Standort die Wettbewerbsfähigkeit gewährleisten will, wenn man seine Abnehmer ohne ersichtlichen Grund im Regen steht lässt.

Stand heute wurden bereits ca. 13 000 Tonnen seitens einzelner Kunden unwiderruflich für 2018 storniert, die die Auslastung von bis zu 200 Mitarbeitern sicherten. Mit jeder verlorenen Tonnage wandern auch die Arbeitsplätze unwiderruflich zum Wettbewerb. Einige Kunden bestehen jetzt schon darauf, dass offene Lieferungen per Flugzeug zu tätigen sind, damit die Bänder weiterlaufen. Allein bei unserem Kunden in den USA kostet das unser Unternehmen 8 Millionen Euro im Monat. Der schon fast sichere Folgeauftrag für die USA wird in diesem Zusammenhang für ca. 200.000 Blöcke pro Jahr bis 2024 angesichts der massiven Folgen für den Kunden nicht mehr an uns vergeben werden. Weitere millionenschwere Forderungen zum Nachteil des Standortes der geschädigten Kunden sind bereits eingegangen bzw. werden die nächsten Tage folgen.

Die Folge ist absehbar: Mit jedem Tag, den der Streik andauert, riskieren wir den Verlust dieser Kunden und damit auch den Verlust aller Jobs in Saarbrücken schon innerhalb der nächsten Wochen.

Seien Sie sich sicher, dass die IG Metall keine Verantwortung übernehmen und einfach weiterziehen wird, wenn beide Standorte aufgrund des Blockadeverhaltens kurzfristig geschlossen werden müssen. Die Belange des Standortes sind in diesem Zusammenhang für die IG Metall zweitrangig. Sie und ihre Funktionäre suchen nur die breite Öffentlichkeit, um Werbung in eigener Sache zu machen. Nur so können wir uns erklären, dass die IG Metall über die sozialen Netzwerke und andere Kanäle alles unternimmt, um die Belegschaft aufzuhetzen so dass es auch zu Personen-und Sachschäden kommt. Es kommen Nötigung und Bedrohungen vor, strafbare Handlungen, zu denen sich einzelne durch die Haltung der IG Metall motiviert und in keiner Weise gebremst sehen. Es kam zu Sabotage-Aktionen insbesondere in Leipzig. Es werden bewusst falsche Informationen gestreut, um Unruhe zu stiften. Eine Gewerkschaft, die nicht streikende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beleidigt und nachweislich Beschimpfungen und körperliche Gewalt nicht unterbindet, zerstört den nachhaltigen Betriebsfrieden zum Nachteil aller Kolleginnen und Kollegen.

 Seit über drei Wochen streiken die Mitarbeiter bei der Neuen Halberg Guss
Seit über drei Wochen streiken die Mitarbeiter bei der Neuen Halberg Guss Foto: BeckerBredel

Kritisch zu hinterfragen ist auch die Rolle der IG Metall und des Betriebsrats in der jüngsten Vergangenheit. Wo waren die IG Metall und der Betriebsrat, als der größte Kunde Ende 2017 beschlossen hatte, ohne die NHG die Zukunft zu planen und Aufträge ohne Verträge mit Preisen unter Vorbehalt platziert wurden? Warum haben IG Metall und Betriebsrat geschwiegen, als die NHG immer wieder von der Volkswagen AG mit unverbindlichen Aussagen bezüglich der Zukunftsperspektive des Standortes in Leipzig hingehalten wurde?

Obwohl der Betriebsrat und die IG Metall in den verschiedenen Gremien aus erster Hand stets informiert wurden, tat die IG Metall nichts, um die Interessen der NHG zu vertreten. Stattdessen lenken sie von ihren Versäumnissen in der Vergangenheit ab, indem sie die Schuld einseitig beim neuen Gesellschafter suchen.

Fakt ist, dass schon seit zwei Jahren keine Bank mehr bereit ist, die NHG zu finanzieren. Kein potentieller neuer Investor wird bereit sein, die immensen Lasten der Vergangenheit zu schultern. Der heutige Eigentümer war bereit, aktiv alle kritischen und standortrelevanten Themen anzugehen, auch wenn jedem Beteiligen klar war, dass dieser Weg kein einfacher werden sollte. Die NHG hatte vor dem Streik die historische Chance, sich an einem Standort komplett neu aufzustellen, um die Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft zu sichern. Das Wissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist hierbei das wertvollste Gut, um diesen Weg erfolgreich angehen zu können.

Deshalb appellieren wir nochmals an Sie, die ECHTEN Halbergerinnen und Halberger:

Lassen Sie sich nicht für die Ziele Dritter einspannen, verfolgen Sie Halberger Ziele.

Wenn Sie wirklich für das Unternehmen und für Ihre Arbeitsplätze kämpfen wollen, dann beenden Sie sofort diesen Streik. Wir fahren die Produktion wieder an und laden Sie ein, Teil davon zu sein.

Bis zum Beginn des Streikes, und das wurde von uns auf den Mitarbeiterversammlungen vom 7. Juni eindeutig zum Ausdruck gebracht, war ein Arbeitsplatzabbau von fest Angestellten in Saarbrücken für die kommenden 2 Jahre gar nicht erforderlich.

Wir haben Ihrer Gewerkschaft angeboten, mit dieser Zusage wieder Verhandlungen aufzunehmen – dies hat die IG Metall abgelehnt, und wir fragen uns, wessen Interessen hier eigentlich vertreten werden? Eine Insolvenz oder ein Verkauf der Gesellschaft, wie von der IG Metall angestrebt, sind keine realistische Optionen zur Sicherung der Arbeitsplätze in Saarbrücken.

Halberger, gebt Euch eine Chance! Lasst Halberg leben!

Mit besten und kollegialen Grüßen!

Barbaros Arslan Alexander Gerstung

Da wir nicht glauben, dass die IG Metall und der BR ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und wir meinen, dass sie nachweislich falsche Informationen streuen, möchten wir Sie mit dieser direkten Ansprache über den aktuellen Sachstand der Verhandlungen in Kenntnis setzen und haben die wichtigsten Fakten zusammengefasst.

1. Unser Angebot.

Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen in Saarbrücken in 2018 und 2019, wenn wir die Tonnagen halten können. Regelung, dass für eventuell nicht vermeidbare betriebsbedingte Kündigungen dieselben Konditionen wie für den Standort Leipzig gelten.

Vorlage des vollständigen Angebotes beim nächsten Verhandlungstermin.

- in Auszügen:

Für die Leipziger Kollegen faire und übliche Konditionen für Abfindungen und Transfermaßnahmen, die wie folgt angeboten wurden:

- Abfindungen, die sich an den gesetzlichen Vorgaben des § 1a Kündigungsschutzgesetz orientieren

- Kinderzuschlag 2.500€/Kind

- Schwerbehindertenzuschlag 3.000€

- Transfergesellschaft in enger Abstimmung mit der Bundesagentur für Arbeit bei Einbringung der Kündigungsfristen und normaler Aufstockung von 80%, sonst

Transferagenturmaßnahme, das heißt besondere Unterstützung im Bewerbungsprozess noch im laufenden Arbeitsverhältnis, um nahtlosen Wechsel in neue Arbeit zu ermöglichen.

2. Im Gegensatz hierzu die völlig realitätsfernen Forderungen der IG Metall.

- Die IGM Metall fordert 3,5 Gehälter pro Jahr der Beschäftigung. Das sind bei durchschnittlich 15 Jahren Betriebszugehörigkeit 52,5 Gehälter, also mehr als 4 Jahresgehälter pro Mitarbeiter.

- Außerdem will sie für jeden Mitarbeiter eine Transfergesellschaft von garantierten 12 Monaten und einer Aufstockung auf 90%- 95% wohl wissend, dass so etwas die Agentur für Arbeit nicht fördern würde. Das wäre dann nochmals pro Mitarbeiter jeweils ein Jahresgehalt.

- Zusätzlich verlangt sie, dass diese Abfindungen und alle Kosten für die Transfergesellschaft in ein „Sparschwein“ gelegt werden, damit sie für jeden Fall einer eventuellen betriebsbedingten Kündigung zur Verfügung stehen. Die IG Metall will dieses Sparschwein für alle Mitarbeiter, also auch für diejenigen, deren Arbeitsplatz überhaupt nicht von Abbau bedroht ist.

- Das sind in Summe einschließlich der hierfür anfallenden Zinsen etc. knapp 700 Millionen EURO. Das ist ein Vielfaches des Jahresumsatzes der Halberg-Guss, ein Vielfaches ihres Unternehmenswertes und ganz zu schweigen vom Jahresergebnis (Umsatz minus Kosten gleich Jahresergebnis). Wie Sie wissen, hat Halberg in den vergangenen Jahren keinen Gewinn mehr erwirtschaftet – die geforderten 700 Millionen Euro könnte die Halberg- Guss in 20 Jahren nicht aufbringen.

3. Die IG Metall fordert nicht nur Unmögliches, sie hat auch längst den Boden von Recht und Gesetz verlassen. Es ist bereits zu schwerwiegenden Vorfällen gekommen:

- In Saarbrücken: Nötigung, Menschen und Fahrzeuge werden nicht aufs Gelände gelassen und müssen abdrehen

- In Saarbrücken: Bedrohung, das heißt Androhung von Gewalt („...dann fließt dein Blut, hast du schon mal mit Nasenbeinbruch im Auto gesessen, dann kannst du Angst um dein Leben haben, wir wissen wo du wohnst“)

- In Saarbrücken: Versperrung der Eingänge mit sperrigen Gegenständen

- Das alles gab es auch in Leipzig in einer noch massiveren Form

- Erst nach Polizeieinsätzen und Erlass einer einstweiligen Verfügung durch das Arbeitsgericht Leipzig und ausführlicher Belehrung durch das Gericht haben dann die örtlichen Streikführer und die IG Metall Leipzig schließlich erklärt, dass sie zukünftig, für die gesamte Dauer des Streiks, solche Blockaden nicht mehr vornehmen werden, nicht mehr die Einfahrten versperren werden, nicht mehr Menschen/Fahrzeuge am Betreten/Befahren hindern werden und nur noch mit kommunikationsbereiten Menschen über den Streik und seine Ziele sprechen werden.

- Natürlich darf dabei nicht gepöbelt, beschimpft oder bedroht werden. Jeder Verstoß wird entsprechend zur Anzeige gebracht und die einzelnen Personen werden strafrechtlich belangt werden.

- Wir können nicht zulassen, dass Mitarbeiter von Halberg Guss massiv bedroht oder gar körperlich angegangen werden. Kein Streikrecht der Welt legimitiert dieses verantwortungslose Verhalten gegenüber den eigenen Kollegen.