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Fleischindustrie: Licht und Schatten nach dem Aus für Werkverträge

Fleischindustrie : Licht und Schatten nach dem Aus für Werkverträge

Über Jahre standen die Werkarbeiterverträge in der Fleischbranche in der Kritik. Erst die Corona-Pandemie sorgte zum Jahreswechsel für die Wende.

Ein Vierteljahr nach dem Aus von Werkarbeitsverhältnissen in den Kernbereichen der Schlacht- und Fleischindustrie fällt das Fazit aus Gewerkschaftssicht durchwachsen aus.

Einige Unternehmen haben bereits im vergangenen Jahr die Werkarbeiter als eigene Arbeitnehmer eingestellt, sagte Szabolcs Sepsi von der DGB-Beratungsstelle „Faire Mobilität“ in Dortmund: „Damit ändert sich natürlich nicht von heute auf morgen die Führungskultur oder der Umgang mit den Menschen.“ Insgesamt spreche man von vielen zehntausend Menschen, die übernommen worden seien.

Die über viele Jahre übliche Praxis, dass in den Schlacht- und Zerlegebetrieben die Kernarbeit nicht von festangestellten Mitarbeitern, sondern von osteuropäischen Werkarbeitern geleistet wurde, hatte die Bundesregierung zum Ende des vergangenen Jahres beendet. Auslöser waren große Corona-Infektionsausbrüche unter der Belegschaft, etwa beim Marktführer Tönnies.

Laut Sepsi ist nach wie vor die Wohnsituation ein großes Problem - er höre immer noch davon, dass teils sechs Personen in Drei-Zimmer-Wohnungen untergebracht seien und jeder 190 bis 200 Euro Monatsmiete bezahlen müsse. Allerdings hätten die großen Unternehmen Programme gestartet, die Situation zu verbessern.

Ein großes Thema unter den Beschäftigten seien die bislang erfolglosen Verhandlungen um einen Tarifvertrag für die Beschäftigten. „Das war auch in der Presse in Rumänien ein Thema“, sagte Sepsi. Die Forderung nach einem Mindeststundenlohn von 12,50 Euro und 17 Euro für Facharbeiter werde von den Menschen geteilt. Das Angebot der Arbeitgeber von einem Stundenlohn von 10,50 Euro ohne einen Facharbeiterlohn habe die Menschen enttäuscht. Die Gewerkschaftsvorschläge waren aus Sicht der Arbeitgeber „realitätsfern und existenzgefährdend“.

Der tatsächliche Verdienst in den Unternehmen gehe bei den Arbeitskräften weit auseinander, weil die Produktion selber stark arbeitsteilig sei, erklärte Sepsi. Für einfache Zerlege- und Verpackungstätigkeiten an den Fließbändern werde kaum mehr als Mindestlohn gezahlt. Auf der anderen Seite gebe es hochqualifizierte und gesuchte Fachkräfte, die die Tiere ausbeinen und zerlegen. Diese würden dank Zulagen auf Bruttolöhne zwischen 3000 bis 4000 Euro im Monat kommen, sagte Sepsi.

Der Genossenschaftsbetrieb Westfleisch verweist darauf, dass auf der Basis eines mit der Gewerkschaft NGG ausgehandelten Tarifvertrags bis Ende 2020 rund 3000 Beschäftigte neu eingestellt wurden. Weniger als 20 Prozent der insgesamt rund 7000 Mitarbeiter in der Schlachtung und Zerlegung seien in der untersten Tarifgruppe eingestuft, bekämen aber mehr als den Mindestlohn.

Der deutsche Schlachthofmarktführer Tönnies habe zum Jahreswechsel 6000 Werkarbeiter übernommen, sagte ein Unternehmenssprecher. Mehr als 70 Prozent der Angestellten wohnten privat. Bei den übrigen gut 30 Prozent habe Tönnies die Wohnraumbewirtschaftung übernommen. Dafür seien mehr als 700 Wohnungen und Häuser gekauft oder gemietet und so mehr als 3800 Wohnplätze geschaffen worden.

Das niederländische Schlachtunternehmen Vion habe zur Jahreswende 3300 frühere Werkarbeiter übernommen, sagte ein Unternehmenssprecher. Die von den Werkvertragsunternehmen übernommenen Unterkünfte seien in 213 Audits überprüft worden - etwa zehn Prozent hätten nicht den gewünschten Standards entsprochen. Teilweise wurden sie saniert, parallel werde aber auch geprüft, ob das Unternehmen selbst Unterkünfte bauen oder etwa leerstehende Hotels übernehmen wolle.

© dpa-infocom, dpa:210408-99-122574/2