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Lehrlinge lernen in Frankreich und Deutschland

Austausch mit Frankreich : Wie Lehrlinge im Nachbarland Erfolg erfahren

Pro-Tandem ermöglicht Köchen und Restaurantfachleuten einen Lehrlingsaustausch zwischen Deutschland und Frankreich.

Es ist ein deutsch-französischer Rekord. Schon seit mittlerweile 25 Jahren gibt es einen Lehrlingsaustausch, der unter der Regie der Beruflichen Schulen „Johannes August Röbling“ im thüringischen Mühlhausen und dem Lycée Professionnel „Pierre et Marie Curie“ aus Freyming-Merlebach abläuft. Finanziert und betreut wird dieser grenzüberschreitende Austausch sowie jährlich rund 100 weitere von Pro-Tandem, einer deutsch-französischen Organisation mit Sitz in Saarbrücken. Die bisherigen Erfahrungen sind ermutigend und zur Nachahmung empfohlen.

„Pro Jahr sind es rund 3000 deutsche und französische Lehrlinge, die in Betrieben des Nachbarlandes lernen und arbeiten“, berichtet Frédérik Stiefenhofer, deutscher Delegierter von Pro-Tandem. „Gut 100 000 waren es seit der Gründung vor knapp 40 Jahren“, ergänzt seine französische Kollegin Karine Brard-Guillet. „In über 50 Berufsgruppen des dualen Systems ist ein Austausch möglich.“ Den Namen Pro-Tandem trägt die Organisation, die sechs Mitarbeiter beschäftigt, erst seit einem Jahr. Bis zum Juni 2018 war sie noch als Deutsch-Französisches Sekretariat (DFS) bekannt.

In der seit 25 Jahren bestehenden Partnerschaft zwischen Mühlhausen und Freyming-Merlebach „wechseln im Durchschnitt 20 angehende Köche und Restaurantfachkräfte für drei Wochen ins jeweils andere Land“, erzählt der französische Schulleiter Philippe Nehlig. „Etwa 20 fahren im September nach Thüringen, die jungen Deutschen erwarten wir Mitte März kommenden Jahres bei uns.“ Das Austauschprogramm von Pro-Tandem ist so aufgebaut, dass sich die jungen Auszubildenden und ihre Betreuer während der ersten Woche ihres Aufenthalts im jeweils anderen Land umschauen und ein Kulturprogramm absolvieren. Denn sie sollen auch ein Gespür für die Lebensgewohnheiten ihrer Gastgeber bekommen. Zudem vertiefen sie ihre Sprachkenntnisse oder erlernen erste Dialoge, die sie für die Tätigkeiten in ihrem Beruf benötigen, wenn ihnen die andere Sprache vollkommen fremd ist. In diesen sieben Tagen werden zudem einzelne Unternehmen in der jeweiligen Region besichtigt. Erst ab der zweiten Woche werden die Mädchen und Jungen, die zwischen 17 und 20 Jahre alt sind, auf die vorher bereits festgelegten Betriebe aufgeteilt, wo sie dann ihr eigentliches Praktikum absolvieren.

„Der Austausch kann in jeder beliebigen Stadt stattfinden. Die Initiative kann von Bildungseinrichtungen, Wirtschaftskammern, Innungen und Betrieben ausgehen“, erzählt Brard-Guillet. „Es müssen nur entsprechende Tandem-Partner zusammenkommen, um einen Austausch möglich zu machen. Wir helfen jedoch dabei, dass am Ende auch auf jeden Topf ein Deckel passt“, sagt Stiefenhofer. Pro-Tandem unterstützt den Austausch auch in finanzieller Hinsicht. Dafür ist auf deutscher Seite das Bundesbildungsministerium zuständig. Neben den kompletten Kosten für die Hin- und Rückreise können bis zu 45 Euro können pro Tag für Unterkunft und Verpflegung gezahlt werden. Übernommen werden auch Kosten für zwei Vorbereitungstreffen, das Kulturprogramm und die Sprachkurse. Teilnehmen müssen allerdings mindestens acht Azubis.

Die Auszubildenden wohnen in Jugendherbergen, Familien oder Ferienwohnungen. Ihr Engagement wird am Ende mit einer Urkunde belohnt, „die bei einer späteren Bewerbung Gold wert sein kann“. Für die jungen Franzosen aus Freyming-Merlebach, die ihre Heimat jährlich für drei Wochen verlassen und in thüringischen Hotels und Restaurants arbeiten, „ist der Austausch eine echte Chance“, sagt Schulleiter Nehlig. „Sie finden später wesentlich leichter Arbeit in Hotels oder Restaurants auf deutscher Seite“. Der Austausch zwischen Lothringen und Thüringen ist der älteste. Den Entfernungsrekord halten die Übersee-Départements La Réunion (Indischer Ozean) und Guadeloupe (Karibik). Von dort gibt es Austauschprogramme zum Beispiel mit Fürstenwalde. „Hier ist eine Kooperation entstanden, durch die junge Franzosen sogar komplett ihre Ausbildung in Deutschland machen“, so die Länderdelegierten.