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Lebensmittel-Lieferdienste in Deutschland wegen Coronavirus beliebt

Gewinner der Krise : Corona beflügelt Lebensmittel-Lieferdienste

Die Epidemie bringt viele Bürger dazu, Nahrungsmittel im Internet zu bestellen. Doch die Wartezeiten sind inzwischen lang.

Jahrelang zeigten die Verbraucher in Deutschland den Angeboten von Online-Lebensmittelhändlern die kalte Schulter und kauften Fleisch und Gemüse lieber im Supermarkt oder beim Discounter um die Ecke. Doch seit wenigen Wochen ist alles anders: Die Angst vor dem neuartigen Coronavirus beschert den Online-Lieferdiensten ungeahnte Wachstumsraten. Doch die Sache hat einen Haken. Wer heute Lebensmittel online bestellt, muss oft wochenlang auf die Lieferung warten.

Am 26. Februar habe der Ansturm auf die Lebensmittel-Lieferdienste begonnen, sagt Thorsten Eder vom Online-Supermarkt Getnow. „Wir können nur einen kleinen Teil der Nachfrage abarbeiten. Dabei sind wir immer auf Volllast“, berichtet Eder. Die Zahl der Bestellungen habe sich schlagartig verdoppelt, die der Neukundenanmeldungen sei in einigen Städten um 500 Prozent gestiegen.

Dabei hatte der Online-Händler, der seine Ware bei der Metro einkauft, mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie die stationäre Konkurrenz. So waren Toilettenpapier, Nudeln und Konserven zeitweise ausverkauft. Doch inzwischen sei die Zeit der Hamsterkäufe vorbei, sagt Eder. Den Bestellern gehe es mittlerweile offenbar weniger ums Hamstern, als darum, beim Lebensmitteleinkauf Kontakt zu anderen Menschen möglichst zu vermeiden. 

Auch Frederic Knaudt, der Deutschland-Chef des Online-Supermarkts Picnic, der im Ruhrgebiet und im Rheinland Kunden in zehn Städten beliefert, betont: „Die Nachfrage hat sich bei uns mehr als verdoppelt.“ Picnic habe seit Ende Februar fast 200 neue Mitarbeiter eingestellt. Dennoch könne das Unternehmen kaum mit der großen Nachfrage mithalten. Wurden sonst die Bestellungen in der Regel schon am Folgetag geliefert, so muss sich der Kunde jetzt meist bis zur nächsten Woche gedulden.

Bei DM müssen die Kunden aktuell ebenfalls ziemlich lange auf ihre Bestellungen warten. Der Chef der Drogeriemarktkette, Christoph Werner, sagte dem Handelsblatt: „Wegen der enormen Nachfrage ist die Lieferzeit kurzzeitig von zwei bis drei Werktagen auf neun bis zwölf Werktage hochgeschnellt.“ Einen Testlauf zur Abholung bestellter Waren in der Filiale habe man ausgesetzt, „weil die Mengen in den Märkten explodierten“.

Auch Rewe kann den Kundenansturm in seinem Online-Shop nur mühsam schultern. Lieferfristen von ein bis zwei Wochen seien mittlerweile nicht ungewöhnlich, berichtet ein Unternehmenssprecher. Dabei ist Rewe mit seinem in 75 Städten verfügbaren Lieferservice einer der führenden Online-Lebensmittelhändler in der Bundesrepublik.

Und auch der US-Internetgigant Amazon muss dem Kundenansturm Tribut zollen. Auf der Webseite seines Lebensmittel-Lieferdienstes Amazon Fresh warnt der Konzern: „Sortiment und Lieferung können aufgrund erhöhter Nachfrage vorübergehend eingeschränkt sein.“

Dabei hatten die Verbraucher in Deutschland vor der Corona-Krise wenig Interesse an Lebensmitteln aus dem Internet. Eine Umfrage im Auftrag der Unternehmensberatung Alixpartners ergab im vergangenen Jahr, dass nur jeder vierte Verbraucher schon einmal Lebensmittel online bestellt hat. Damit standen im Heimatland der Discounter und genossenschaftlich organisierten Supermärkte Lebensmittel als Produktkategorie ganz am Ende der Online-Wunschliste. Als Hauptgrund gaben 54 Prozent der Kunden ihre Bedenken bezüglich Qualität und Frische der Waren beim Online-Einkauf an.

Doch könnte sich das jetzt nachhaltig ändern, ist der Handelsexperte Peter Heckmann von Alixpartners überzeugt. „Für den Online-Handel mit Lebensmitteln ist die aktuelle Lage eine große Chance, sich aus seiner Nische herauszubewegen“, sagt er. „Nach der Krise wird der E-Commerce in diesem Bereich wohl eine größere Rolle spielen.“