Klimmts wunderbare Welt der Taschenbücher

Saarbrücken · Ex-Ministerpräsident Reinhard Klimmt hat mit dem Erfurter Kommunikationswissenschaftler Patrick Rössler die Geschichte des Taschenbuchs und seiner Buchgestalter in den 50ern dokumentiert. Ergebnis ihrer editorischen Pionierarbeit ist ein zweibändiger Prachtband, der 5000 „Relikte aus dem Praetelevisionicum“ (Rösler) dokumentiert – die Geschichte eines gewaltigen Liebhaberprojekts.

 Rowohlt war der führende Taschenbuchverlag in den 50ern. „Ich kauf mir ein rororo“ (die Abkürzung von Rowohlts Rotationsromane) wurde damals zum geflügelten Wort. Foto: Achill Presse

Rowohlt war der führende Taschenbuchverlag in den 50ern. „Ich kauf mir ein rororo“ (die Abkürzung von Rowohlts Rotationsromane) wurde damals zum geflügelten Wort. Foto: Achill Presse

Foto: Achill Presse

Spät an diesem Morgen kommt ein Herr in der Buchhandlung St. Johann auf Reinhard Klimmt zu, verwickelt ihn in eine Fachsimpelei über eine entlegene Buchedition und beteuert dann, nachdem er mit Kennermiene Klimmts Wälzer in Augenschein genommen hat, nächstens beide Leinenbände im Schuber zu kaufen. Er habe nur die 199 Euro, die es dazu braucht, gerade nicht mit. "Ja, machen Sie mal", schickt der Ministerpräsident a.D. dem Bibliophilen hinterher.

1300 Exemplare der beiden aufwändig gedruckten Prachtbände unter dem Titel "Reihenweise. Die Taschenbücher der 1950er Jahre und ihre Gestalter" hat Klimmt drucken lassen. Kostenpunkt: 199 Euro im Subskriptionspreis bis 30. Juni (danach 249 Euro). Eine Liebhaberei, die ihr Geld wert ist. Sofern man ein Herz für Kulturgeschichte, Buchgestaltung und Typographie hat und eine Sammlernatur ist. Eigentlich vertreibt Klimmt die Kassette gar nicht über den Buchhandel. Dass Ludwig Hofstätter sie im Laden stehen hat, ist die Ausnahme. Bestellen tut man sie eigentlich bei Klimmt daheim, wo die gut fünf Kilo schweren Bände lagern - neben der 15 000 Bücher umfassenden Privatbibliothek des (auch) Ex-Bundesverkehrsministers. Dass der mit und von Büchern lebt (im ideelen, nicht im monetären Sinne), wusste man. Aber nicht, dass Klimmt nun auch quasi Verleger ist. Wie es dazu kam, erzählt er bei ein paar Tassen Kaffee in Hofstätters unvergleichlichem Laden.

Die Taschenbücher der 50er sind ein altes Steckenpferd und Sammelgebiet Klimmts. Als Kind fraß er sich durch die elterliche Bibliothek. Als die verdaut war, versetzte er sein Taschengeld (fünf Mark die Woche) für Bücher und gab einem Osnabrücker Hoteliersohn Nachhilfe, um die Literatur-Barschaft aufzubessern. "Der Rowohlt Verlag schrieb mir, ich hätte es stets auf ihre teuersten Bücher abgesehen", sagt Klimmt und muss loslachen. Als Kopf einer Pennälerpostille forderte er ständig Leseexemplare an. Erst in den 80ern habe er "als Ausgleich für die ganze Politik" zu sammeln begonnen. (Inter-)nationale Streifzüge durch Antiquariate und Flohmärkte und der Erwerb so manchen Nachlasses ließen die Sammlung ausufern. Alleine Klimmts Taschenbuchreich umfasst 5000 Bände. Womit wir bei "Reihenweise" wären.

Angeregt durch ein Werk über Buchumschläge Berliner Verlage der Weimarer Republik, das ihm der Museumsmann Christoph Stölzl schenkte, reifte vor acht Jahren die Idee, Ähnliches mit den Taschenbüchern der 50er zu tun. Klimmt gewann den Verleger der Hamburger Achilla Presse, Mirko Schädel, für das Projekt. Man feilte am Konzept, holte den bibliophilen Patrick Rösler ins Boot. Verfasste kommentierende Texte, bibliographierte, digitalisierte und scannte Abertausende Bucheinbände. Und ermittelte (Klimmt: "Manchmal telefonierte ich eine Woche herum, um fündig zu werden.") die Gestalter jener Reihen, die im restaurativen Nachkriegsdeutschland in Verlagen wie Rowohlt (federführend mit der legendären rororo-Reihe), Fischer, Goldmann, Ullstein, Bürger, Lehning etc. herauskamen.

Als Schädel seine Achilla Presse 2014 aufgab, sprang Klimmt behelfsmäßig als Verleger ein, um sein Baby nicht mit sterben zu lassen. "Das ist jetzt", sagt er, " der letzte große Aufschlag der Achilla Presse", unter deren Namen die Schuberkassette erscheint. "Großes fängt im Kleinen an", meint Klimmt süffisant. Lesenswerte Texte, hinreißende Buchumschläge, bestes Leinen, qualitätvolles Papier, hochwertiger Druck: "Reihenweise" ist ein Liebhaberstück erster Güte. Ob Klimmt jene 700 Abnehmer findet, mit denen er kalkuliert, steht auf einem anderen Blatt.

Auch wenn der große Bewusstseinswandel verlegerisch mit der von Willy Fleckhaus gestalteten Regenbogenreihe bei Suhrkamp (ab 1963) verbunden bleibt: Die in "Reihenweise" lückenlos erfassten Taschenbuchreihen der 50er liefern ein Stück Zeitgeschichte. Band zwei bildet nicht nur alle (!) 5000 Cover ab, eine Bibliographie listet auch (soweit zu ermitteln) jeden Buchgestalter auf. Klimmts und Röslers Kompendium zeichnet (auch in den erläuternden Texten) nach, dass die Bevölkerung Westdeutschlands, der Schweiz und Österreich nach 1950 nicht nur mit trivialer Unterhaltungsliteratur versorgt, sondern auch (wie man das maßgeblich in der DDR praktizierte) mit Weltliteratur durchlüftet wurde. Wobei den Einbänden Signalwirkung zukam, sie Gehalt, Stil und "Atmo" der jeweiligen Bände vorwegnahmen, sie das Kopfkino des kleinen Mannes waren.

R. Klimmt/P. Rösler: Reihenweise. Die Taschenbücher der 1950er Jahre und ihre Gestalter. Achilla Presse. Zwei fadengeheftete Leinenbände im Schuber, 544/ 391 S., 199 € (bis 30. Juni, danach 249 €).

Bestellung bei R. Klimmt, Am Zoo 1, 66121 Saarbrücken (reinhard.klimmt@t-online.de oder buechergaertner@t-online.de).