Jennifer Morgan tritt als erste Frau an Spitze des Dax-Konzerns SAP

Bill McDermott überraschend zurückgetreten : Ein Duo führt jetzt den Softwareriesen SAP

Nach dem Rücktritt von Bill McDermott beruft SAP als erster Dax-Konzern eine Frau an die Doppelspitze seines Vorstandes.

Der Softwareriese SAP wird künftig von einem Duo geführt und bekommt als erster Dax-Konzern überhaupt eine Vorstandschefin. Die US-Amerikanerin Jennifer Morgan lenkt die Geschicke ab sofort gemeinsam mit Christian Klein, wie SAP am Freitag mitteilte. Die beiden Vorstandsmitglieder folgen auf Bill McDermott, der überraschend seinen Rückzug bekanntgab. Der 58-Jährige hatte Europas größten Softwarekonzern seit 2010 geführt, zunächst ebenfalls als Teil einer Doppelspitze, seit 2014 allein.

Morgans Aufstieg zur Co-Vorstandschefin ist ein Novum im Dax, das allerdings einem seit Jahren erkennbaren Trend folgt – wenn auch auf niedrigem Niveau: Nach Zahlen der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY) vom Juli ist der Anteil von Frauen in Vorstandspositionen der in den großen deutschen Aktienindizes Dax, MDax oder SDax gelisteten Unternehmen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, zuletzt im ersten Halbjahr 2019 auf einen neuen Höchstwert von 8,7 Prozent. Bei den Dax-Konzernen allein waren es 14,1 Prozent.

Die Initiative Frauen in die Aufsichtsräte (Fidar), die sich für einen wachsenden Anteil von Frauen in Führungspositionen einsetzt, lobte die Ernennung Morgans als „Signal an alle Unternehmen: Es geht!“. SAP sei „ein Paradebeispiel für einen großen Konzern, der systematisch Frauen in die Führungsspitze geholt und so das Potenzial von Frauen entwickelt“ habe, betonte Fidar-Präsidentin Monika Schulz-Strelow.

Morgan ist 48 Jahre alt und kommt aus den USA. Sie ist seit 2004 bei SAP und seit 2017 im Vorstand, verantwortlich war sie zuletzt für die Cloud-Geschäftsbereiche. Klein, 39 Jahre alt und schon sein ganzes Berufsleben bei dem Softwarekonzern, ist seit 2018 Vorstandsmitglied und war als Chief Operating Officer (COO) bislang vom Stammsitz in Walldorf aus für das operative Geschäft insgesamt verantwortlich.

McDermott hatte den wertvollsten deutschen börsennotierten Konzern, der zuletzt weltweit knapp 100 000 Menschen beschäftigte, in den vergangenen Jahren stark umgebaut – vom klassischen Geschäft mit Softwarelizenzen hin zum Cloud-Geschäft, bei dem Anwendungen mit einer Art Abonnement über das Internet genutzt werden. Für die Konzerne hat dieses Modell den Vorteil, dass das Geschäft damit gleichmäßiger läuft und die Umsätze besser planbar sind. „Von dieser Weichenstellung wird das Wachstum von SAP noch viele Jahre profitieren“, sagte Aufsichtsratchef Hasso Plattner.

Viel ändern will das neue SAP-Führungsduo erst einmal nicht. Morgan sagte, man dürfe erwarten, dass Klein und sie sich auf eine entscheidende Botschaft konzentrierten – und die laute: Kontinuität. Sie verwies auf die Verdienste Plattners und McDermotts für die Branche. „Es eine Ehre, in ihre Fußstapfen zu treten, wäre eine Untertreibung“, sagte die 48-Jährige. SAP stehe sehr gut da.

Die ebenfalls am Freitag veröffentlichten Zahlen zum dritten Quartal können sich in der Tat sehen lassen. Umsatz und Gewinn kletterten unerwartet kräftig, nachdem SAP im Vorquartal noch den Handelsstreit zwischen den USA und China zu spüren bekommen hatte. Den Erlös steigerte der Konzern im Jahresvergleich um 13 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro, unter dem Strich blieben mit 1,26 Milliarden Euro 30 Prozent mehr Gewinn übrig.

Die operative Marge lag mit 30,6 Prozent überraschend hoch, was Finanzchef Luka Mucic unter anderem auf Kostensenkungen und andere Effizienzmaßnahmen zurückführte. Der Wert gibt an, wie viel Umsatz als Gewinn im operativen Geschäft übrig bleibt, und ist damit das Maß für die Profitabilität. Investoren hatten immer wieder eine zu geringe Profitabilität beklagt – eine Folge der hohen Kosten für den Cloud-Trend. Noch im Januar hatte McDermott einen weiteren Konzernumbau angestoßen. Das Unternehmen streicht in diesem Zuge bis zu 4400 Stellen in Bereichen, die laut dem Management keine große Zukunft haben.

Zu seinen eigenen Plänen wollte McDermott zunächst nichts verraten. Sein Vertrag läuft eigentlich noch bis 2021, Anfang des kommenden Jahres hätte er entscheiden müssen, ob er darüber hinaus bleiben will. Man könne sagen: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, sagte er – frei übersetzt – mit Blick auf den unerwarteten Rückzug. Bis Jahresende bleibt McDermott als einfaches Mitglied im SAP-Vorstand.