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Interview mit dem Wirtschaftsökonom Peter Bofinger: „Corona hat Wirtschaft ins Koma versetzt“

Interview Peter Bofinger : „Corona hat die Wirtschaft ins Koma versetzt“

Viele Euro-Staaten legen milliardenschwere Hilfsprogramme zur Abfederung der Corona-Krise auf. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) will im Rahmen eines gigantischen Notfallprogramms Wertpapiere von Staaten und Unternehmen kaufen, um sie zu stützen. Kommt die Euro-Krise zurück? Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Würzburg und ehemalige Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält diese Sorge für unbegründet.

Herr Bofinger, können sich die Staaten die riesigen Mehrausgaben leisten?

BOFINGER Da muss man differenzieren. Deutschland ist hier in sehr guter Verfassung. Die Staatsverschuldung bezogen auf die Wirtschaftsleistung beträgt knapp 60 Prozent. Bei der großen Finanzkrise vor gut zehn Jahren wurde diese Verschuldung ohne große Probleme auf 80 Prozent erhöht. Damit könnte Deutschland aktuell 700 Milliarden Euro an zusätzlichen Mitteln zur Eindämmung der Krise mobilisieren.

Andere Länder sind deutlich schlechter dran…

BOFINGER Das stimmt. Italien zum Beispiel, das besonders unter dem Virus leidet, hatte schon vor der Corona-Krise eine Staatverschuldung von rund 130 Prozent gemessen an seiner Wirtschaftskraft. Damit gibt es auch bei der zusätzlichen Verschuldung weniger Spielraum. Die EZB dürfte aber aktiv werden, falls Rom nur noch mit hohen Risikoaufschlägen an frisches Geld käme, und es gibt den Europäischen Stabilitätsmechanismus, der über Mittel in Höhe von rund 500 Mrd. Euro verfügt. Derzeit ist die Verzinsung auch für italienische Staatsanleihen allerdings noch sehr niedrig.

Aber zeigt das neue Corona-Notfallprogramm der EZB hier nicht auch, dass die Stabilität des Euro stark gefährdet ist?

BOFINGER Nein. Mit den drastischen Einschränkungen in praktisch allen gesellschaftlichen Bereichen wurde die Wirtschaft gewissermaßen in ein künstliches Koma versetzt. Jetzt kommt es darauf an, dass die Wirtschaft in dieser Phase möglichst wenig Schaden nimmt. Konkret bedeutet das: Die Politik muss großzügige Liquiditätshilfen geben. Auch für Solo-Selbstständige. Das gerade beschlossene 40-Milliarden-Paket der Bundesregierung für Kleinstunternehmen ist da sicher ein wirksamer Beitrag. Nun müssen die Banken und Sparkassen auch noch auf Überziehungszinsen verzichten, um Selbstständige nicht in die Pleite zu treiben.

Als der Euro-Rettungsschirm aufgespannt wurde, hieß es noch, Griechenland könne vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt werden, ein großes Land wie Italien aber nicht. Das weckt alte Ängste.

BOFINGER Italien für sich wird die Corona-Krise längerfristig nicht stemmen können. Da muss man sich nichts vormachen. Notwendig sind deshalb gemeinsame europäische Schuldtitel.

Sie meinen eine Vergemeinschaftung von Schulden, also Eurobonds? Die hat Deutschland stets abgelehnt.

BOFINGER Ja, aber jetzt haben wir eine andere Situation. Nicht einzelne Länder haben über ihre Verhältnisse gelebt. Vielmehr sind alle Länder gemeinsam vom Corona-Virus betroffen, und kein Land trägt dafür ursächlich die Verantwortung. Das ist eine gemeinsame Herausforderung, deshalb sollte man sie auch gemeinsam finanzieren. Ich würde solche Schuldtitel nicht Eurobonds nennen, sondern Corona-Bonds oder Einheitsbonds. Das wäre auch ein Akt europäischer Solidarität.

Was sagen Sie Bürgern, die jetzt um ihr Erspartes fürchten?

BOFINGER Wer jetzt sein Geld auf dem viel kritisierten Sparbuch oder Tagesgeldkonto hat, ist am besten dran. Da gibt es keine Verluste. Und eine Inflationsgefahr kann man wirklich vergessen. Denn der Ausfall der Nachfrage ist riesig. Es gibt einen massiven Einbruch des privaten Verbrauchs. Das erzeugt eher Deflation, also sinkende Preise. Insofern müssen sich Sparer nicht beunruhigen.