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Interview: DIW-Chef Fratzscher begrüßt geplantes Lieferkettengesetz

DIW-Chef Fratzscher zum geplanten Lieferkettengesetz : „Niedrige Kosten dürfen nicht das wichtigste Ziel sein“

Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hält das geplante Lieferkettengesetz auch aus Gründen eines fairen Wettbewerbs für wichtig.

Die Bundesregierung plant ein Gesetz, um deutsche Firmen zum Schutz der Menschenrechte bei ihren Lieferanten im Ausland zu verpflichten. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, begrüßt das politische Vorhaben.

Herr Fratzscher, tun deutsche Unternehmen zu wenig gegen Kinderarbeit oder schlechten Arbeitsschutz bei ihren Zulieferern im Ausland?

FRATZSCHER Die ehrliche Antwort ist: Man weiß es nicht genau. Die entsprechende Umfrage im Auftrag der Bundesregierung gibt darüber keine verlässliche Auskunft. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings sehr hoch, dass Mindeststandards in vielen Fällen nicht eingehalten werden. Vielleicht nicht absichtlich, aber wirklich verhindern kann man es auch häufig schwer.

Ist es da eine gute Idee, wenn die Regierung den Schutz der Menschenrechte verpflichtend machen will?

FRATZSCHER Ich halte das grundsätzlich für richtig. Zum einen aus ethisch-moralischen Gründen. Auch Konsumenten wollen Gewissheit haben, dass die Produkte, die sie kaufen, unter humanitären Bedingungen hergestellt worden sind. Und zum anderen aus Wettbewerbsgründen. Denn wenn sich Unternehmen an Menschenrechtsstandards halten, aber andere nicht, dann ist das für letztere ein klarer Wettbewerbsvorteil. Und das geht nicht.

Umgekehrt haben dann aber deutsche Unternehmen einen Wettbewerbsnachteil, der sie die Existenz kosten könnte.

FRATZSCHER Wenn der Preis für Wettbewerbsfähigkeit ist, dass sich die Produktion eines T-Shirts oder Turnschuhs nur durch Kinderarbeit und andere inakzeptable Bedingungen rechnet, dann stimmt doch etwas nicht. Niedrige Kosten dürfen im Wirtschaftsprozess nicht das einzige und nicht das wichtigste Ziel sein. Wenn man zumindest unter deutschen Unternehmen einen fairen Wettbewerb haben will, dann braucht es auch Produktionsstandards, an die sich alle halten müssen.

Unternehmen aus China oder Indien dürften sich darüber ins Fäustchen lachen…

FRATZSCHER Hier kommt wieder der ethisch-moralische Aspekt ins Spiel. Will man als deutsches Unternehmen auf Teufel komm raus wirklich weiter im Ausland produzieren? Wenn man gegen unfairen Wettbewerb aus China nicht konkurrieren kann, dann kann die Antwort ja nicht sein, dass man sich selbst auch nicht an die Standards hält. Am Ende wird es unserer Wirtschaft nicht schaden. In der Konsequenz könnten die Preise steigen, aber auch die Qualität der Produkte. Und das unter faireren Wettbewerbsbedingungen. Das ist prinzipiell wirtschaftlich gut.