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Industrie 4.0 – mehr als nur die digitale Fabrik

Industrie 4.0 – mehr als nur die digitale Fabrik

Anlässlich des IT-Gipfels im Saarland ist der Betriff Industrie 4.0 in aller Munde. Die Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (VFU) spricht von dem Saarland als Vorreiter bei der Digitalisierung in Deutschland. Doch der Begriff Industrie 4.0 wird für unterschiedlichste Formen der Digitalisierung verwendet. SZ-Redakteur Joachim Wollschläger beantwortet deshalb zentrale Fragen rund um das Thema.

Was genau ist eigentlich Industrie 4.0?
Die vom Bundeswirtschafts- und -forschungsministerium eingerichtete Plattform Industrie 4.0 spricht von Industrie 4.0 als der vierten industriellen Revolution. Als technische Grundlage für eine vollkommen neue Art der Produktion dienen dabei "intelligente, digital vernetzte Systeme, mit deren Hilfe eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion möglich wird". Letztlich geht es darum, dass sich Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte vernetzten, miteinander kommunizieren und kooperieren können.

Wird die intelligente Fabrik dann menschenleer sein?
Die menschenleere Fabrik wird es sicherlich auch bei Industrie 4.0 nicht geben. Denn schließlich muss es auch Menschen geben, die diese Maschinen intelligent machen, also bedienen, programmieren und warten. Für diese Tätigkeiten werden künftig aber höhere Qualifikationen benötigt als sie bei den heutigen Facharbeitern erwartet werden.

Heißt dass, dass Jobs für normale Arbeiter wegfallen werden?

Das Forschungsinstitut IAB, eine Tochter der Bundesagentur für Arbeit , geht tatsächlich davon aus, dass durch Industrie 4.0 bestimmte Arbeitsplätze wegfallen, dafür aber höherwertige Arbeitsplätze neu entstehen werden. Gleichzeitig geht Rainer Müller, Chef des Zentrums für Mechatronik und Automatisierungstechnik (Zema) in Saarbrücken davon aus, dass durch Industrie 4.0 auch mehr Ungelernte in der Produktion beschäftigt werden können. Denn durch intelligente Steuerungen können sie in der Fertigung Schritt für Schritt angeleitet und ihre Arbeit auch sofort kontrolliert werden.

Ist Industrie 4.0 im Saarland denn schon Wirklichkeit?
Industrie 4-0-Prozesse werden nach und nach eingeführt. Klaus-Peter Frisch, Koordinator für IT-Projekte beim Autozulieferer ZF in Saarbrücken, sagt, dass jetzt bereits die Technik für die Zukunft getestet werde. Im kommenden Jahr soll beispielsweise ein Industrie-4.0-Arbeitsplatz als Pilotprojekt eingerichtet werden, so dass die Technologie dann beim nächsten Produktionswechsel eingesetzt werden kann. Vorreiter bei der Technik sind neben ZF unter anderem der Autozulieferer Bosch, der Technik-Konzern Festo und der Maschinenbauer Woll. Da mit Festo-Teilen zahlreiche Maschinen ausgerüstet werden, spielt hier Industrie 4.0 eine doppelte Rolle - sowohl in der eigenen Produktion als auch bei den Produkten, die mit Sensorik und IT-Technik Industrie-4-0-tauglich gemacht werden.

Kann also Industrie 4.0 die gesamte Produktion revolutionieren?
Ja und Nein. Sicherlich eröffnen sich durch die neue Technik ganz neue Produktionsmöglichkeiten. So können intelligente Maschinen auf ein und derselben Produktion sehr flexibel unterschiedliche Varianten eines Produkts produzieren. ZF produziert mit intelligenter Technik beispielsweise unterschiedliche Getriebe in chaotischer Reihenfolge. Ob sich allerdings alles lohnt, was mit der neuen Technik möglich ist, wird sich zeigen. "Wir sind in einer Phase, in der wir Dinge ausprobieren und ausarbeiten, was sich lohnt und was nicht", sagt Axel Gomeringer, Leitung Innovation und Technologie-Management bei Festo. So ist es zwar möglich, dass die Werkstücke in beliebiger Lage auf dem Band stehen und ihre Position von Scannern erfasst und die Bearbeitung danach ausgerichtet wird. Das aber würde wertvolle Sekunden kosten, die den Produktionsprozess weniger effektiv machen.

Ist Industrie 4.0 gleichzusetzen mit Automatisierung?

Nein. Automatisierung gibt es schon seit vielen Jahrzehnten. Autos beispielsweise werden schon seit Jahren automatisiert mit Hilfe von Robotern produziert. Der entscheidende Schritt ist, dass die Maschinen intelligenter werden und miteinander Informationen austauschen können. Dann kann beispielsweise ein Mensch in Kooperation mit dem Roboter arbeiten und der Roboter richtet sich nach dem Arbeitsfortschritt, den der Mensch vorgibt.

Was ist dann der Unterschied zur Digitalisierung ?
Digitalisierung schließt nicht immer die Kommunikation mit ein. Aber Digitalisierung ist ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der Industrie-4.0-Technik. So können hoch entwickelte Prognoseprogramme, wie sie bei Saarstahl und der Dillinger Hütte Veränderungen in der Produktion frühzeitig vorhersagen und den Prozess anpassen. Solche Programme spielen dann auch bei Industrie-4.0-Fabriken eine große Rolle, wenn beispielsweise eine Maschine einen bevorstehenden Verschleiß erkennt und automatisch eine Wartung und Ersatzteile anfordert.

Sollten dann nicht alle Unternehmen im Saarland auf Industrie 4.0 setzen?
Die Wirtschaft im Saarland besteht zum großen Teil aus mittelständischen Firmen. Für die meisten von ihnen sind Industrie-4.0-Projekte nicht sinnvoll. Einerseits, weil die Produktionsmengen nicht groß genug sind, um eine solche Investition zu rechtfertigen. Andererseits, weil sie eine Flexibilität in der Produktion brauchen, die aktuell nicht automatisiert bereitgestellt werden kann. "Dieser Quantensprung, alles in der Fertigung zu vernetzten, ist bei kleineren Unternehmen aktuell noch nicht möglich", sagt Wolfgang Herges , Chef des Stahlbauunternehmens Herges und Vorsitzender der Familienunternehmen im Saarland.

Was ist nötig, um die Technik im Saarland wie von der Ministerpräsidentin gewünscht, voranzubringen?

Mehrere Wissenschaftler und Firmenvertreter haben zum IT-Gipfel ein Manifest veröffentlicht, das von der Politik unter anderem fordert, das schnelle Internet zügig auf Gigabit-Geschwindigkeiten aufzurüsten. Außerdem soll Digitaltechnik bereits ab dem Kindergartenalter gelehrt werden. In der Digital-Forschung wiederum müssten Ergebnisse schneller zu Anwendungen werden und junge Forscher gefördert werden. Unternehmen sollten mutig der neuen Technik gegenüberstehen und ihre Angst überwinden, sich durch Industrie 4.0 ihr bisheriges Geschäft kaputtzumachen.

Ist Industrie 4.0 also die tolle neue Technik, die alles in der Industrie besser macht?
Auch das nicht - die neue Technik bietet viele Chancen, hat aber auch große Risiken. Vor allem das Sicherheitsrisiko ist erheblich, wenn Anlagen und Produkte über das so genannte "Internet der Dinge" vernetzt und alle mit einer eigenen IP-Adresse ausgestattet werden. In einer Produktion, in der jeder Sensor eine Internet-Adresse hat, ist jedes Teil auch ein Einfallstor für Computer-Kriminelle. Mit Industrie-4.0-Technik muss deshalb ebenso schnell die Sicherheits-Technik entwickelt werden. Ansonsten werden Großkonzerne zum Spielball der internationalen Cyber-Kriminalität.