Ganz der Udo

Am 17. Mai wird Udo Lindenberg 70 Jahre alt, und die Medien feiern das Jubiläum jetzt schon. Da kommt ein neues Album mit den ersten neuen Stücken seit acht Jahren gerade recht.

Mit fast 70 ist Udo Lindenberg kein junger Spund mehr. Dass dem Pop-Urgestein da der eine oder andere Gedanke an den Tod kommt, verwundert nicht. Was geschieht, wenn die Nachricht kommt, dass sich Lindenberg aus dieser Welt verabschiedet hat? Ganz klar: In Deutschland werden alle Schwarz tragen. Die Kanzlerin kniet nieder und weint. Und in der "Tagesschau" wird er heiliggesprochen. So fantasiert sich Lindenberg jedenfalls augenzwinkernd in "Wenn die Nachtigall verstummt" seinen eigenen Nachruf zusammen, der auf seinem neuen Album "Stärker als die Zeit" zu finden ist - dem mittlerweile 35. seit den Karriereanfängen in den späten 60ern.

Es ist die erste neue Songsammlung seit seiner Wiederauferstehung als Erfolgsmusiker mit "Stark wie Zwei". Nach einem längeren Karrieretief landete er damit vor acht Jahren sein erstes Nummer-1-Album überhaupt. Eine Unplugged-Aufnahme folgte und mehrere Tourneen; es war eine Maximal-Ausreizung des Hit-Materials - frische Musik war also langsam überfällig. Nun hat er gleich 15 neue Stücke auf "Stärker als die Zeit" gepackt und diesmal auf Gastmusiker, mit denen er den Vorgänger überflutete, ganz verzichtet.

Hier genügt sich Lindenberg selbst, während er mit seiner unverkennbaren Sprache aus zeitkonserviertem Jugend-slang und typischen Udoismen zur persönlichen Rückschau ansetzt. In "Mein Body und ich" hält er Zwiegespräch mit seinem Körper, den er nach exzessiven Jahrzehnten nun endlich fit hält. Er rätselt über das medizinische Wunder seines Überlebens und befindet, dass er alles noch einmal genauso machen würde - weil ja ein "Blaues Auge" dazugehört. Er singt über das Alter, die große Liebe und eben immer wieder den Tod, der selbst jener ganz großen Liebe irgendwann ein Ende setzt. Die Pianoballade "Wenn du gehst" handelt davon und erinnert an sein Liebeslied "Bis ans Ende der Welt".

Wie gehabt variiert Lindenberg dabei vor allem zwei, drei Songtypen. "Einer muss den Job ja machen" ist Rock, bei denen etwas schwerere E-Gitarren zum Einsatz kommen. "Dr. Feel Good" hingegen kommt als gut gelaunter Rock'n'Roll daher. Die nachdenklicheren Stücke herrschen aber vor, die textlich und stilistisch nahtlos an den Vorgänger anschließen. Die meisten Dinge, die Lindenberg umtreiben, kennt man mittlerweile. Doch sie sind von Herzen gesungen, mit Gefühl, Energie und seiner etwas verwitterten Stimme.

Der gesellschaftskritische Lindenberg klingt nur an ein paar Stellen kurz an. Den Song "Wir könnten Freunde sein", den er auf seiner Stadiontour 2015 vorstellte und der von einer syrischen Flüchtlingsfrau erzählt, taucht nicht auf der Platte auf. Stattdessen nuschelt er mal eine kritische Zeile in Richtung Waffenindustrie. Oder er beklagt in "Der einsamste Moment" die Hilflosigkeit, mit der er dem Terrorismus und dem Wahnsinn dieser Welt gegenübersteht.

Der Titelsong zum Album-Finale bedient sich des musikalischen Themas des Mafia-Klassikers "Der Pate", um orchestral die Kraft des Zusammenhalts zu beschwören. Ob das sein letzter Song sein wird? Der, den sie nach seinem Tod von den Dächern singen werden, so wie es in "Wenn die Nachtigall verstummt" heißt? Vielleicht wartet der Sensenmann ja auch noch, lässt ihn noch einige Jahre mehr Zigarre rauchen, lindenbergianisch über die Weltlage philosophieren, Eierlikör trinken. Und noch eine dieser Platten machen, auf der Lindenberg so wie immer einfach Udo ist.

Udo Lindenberg: Stärker als die Zeit (Warner).