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Francois Villeroy ist ein EZB-Spitzenkandidat mit Saar-Wurzeln

Nachfolger von Draghi gesucht : EZB-Spitzenkandidat mit Saar-Wurzeln

Bei der Europäischen Zentralbank wird die Führung neu besetzt. François Villeroy de Galhau gilt als Favorit für Draghis Chefposten.

Nicht immer wird ein erbitterter Machtkampf von großem Getöse begleitet. Manchmal sind es die stillen Auseinandersetzungen, die mit der größeren Härte ausgetragen werden. Da können vermeintliche Komplimente zu hinterhältigen Fallen für den Gegner werden, und scheinbar beiläufig fallengelassene Nebensätze lesen sich wie Bewerbungsschreiben in eigener Sache.

So war es kein Zufall, als François Villeroy de Galhau jüngst bei einem Besuch in Italien erklärte, Rom habe sich einige Verdienste um den Euro erworben. Damit schmeichelte der Chef der französischen Zentralbank nicht nur seinen Gastgebern, sondern setzte einen deutlichen Kontrapunkt zu seinem deutschen Kollegen Jens Weidmann, dem Chef der Bundesbank. Beide Männer gelten als ausgewiesene Topleute im Finanzsektor und beide machen sich Hoffnungen auf die Nachfolge von Mario Draghi, der acht Jahre lang Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) war und damit auch die Geschicke der Währungsunion bestimmte.

Weidmann, einst Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, ist einer der größten Kritiker der ultralockeren Geldpolitik, mit der die EZB seit Ausbruch der Finanzkrise gegen den Kollaps von Banken und Schuldenstaaten kämpft. Mario Draghis Anleihekäufe sind Jens Weidmann ein Graus. François Villeroy de Galhau aber gilt als Anhänger der Finanzpolitik des Noch-EZB-Chefs und hat bei verschiedenen Gelegenheiten betont, man dürfe nicht immer allzu sehr auf Regeln beharren, man müsse die Dinge auch „pragmatisch“ betrachten.

Der Kampf um den Sessel an der Spitze der EZB wird auch deshalb in aller Verschwiegenheit ausgetragen, weil in den kommenden Wochen weitere Spitzenposten in der Europäischen Union zu vergeben sind. Auch der EU-Kommissionspräsident, der EU-Ratspräsident und der Hohe Beauftragte für Außenpolitik müssen neu besetzt werden. Und wie immer im verwirrenden Geflecht der Europäischen Union hängt irgendwie alles mit allem zusammen. Das heißt zum Beispiel: Rückt der Deutsche CSU-Politiker Manfred Weber an die Spitze der Kommission, steigen die Chancen, dass François Villeroy de Galhau EZB-Chef wird – sollte am Ende nicht doch ein Finne aus dem großen Hut gezaubert werden, weil die nördlichen EU-Länder auch endlich einmal Anrecht auf einen Spitzenposten haben.

Dass François Villeroy de Galhau einer der Besten an der Spitze der Zentralbank wäre, dürfte von niemandem in Zweifel gezogen werden. Seit 2015 leitet der heute 60-Jährige die Banque de France. Der Absolvent der französischen Elite-Universität ENA ist nicht nur ein ausgezeichneter Ökonom, sondern auch ein sehr politischer Mensch: Immer wieder äußerte er sich in der Vergangenheit zu Sozialthemen und Fragen der Wirtschaftsethik.

François Villeroy de Galhau verbrachte weite Teile seiner steilen Karriere im Pariser Finanzministerium – unter anderem als Kabinettschef des damaligen Finanzministers Dominique Strauss-Kahn. Aber er arbeitete auch zwölf Jahre lang auf verschiedenen Managementpositionen der privaten Großbank BNP Paribas. Allein daraus lässt sich schließen, dass seine Berufung auch eine Beruhigung der Finanzmärkte bedeuten würde.

Ein weiteres Plus des Franzosen sind seine sehr guten Beziehungen zu Deutschland. Er ist in Straßburg geboren, spricht ausgezeichnet Deutsch, seine Familie ist Miteigentümerin des Keramikherstellers Villeroy & Boch. Immer wieder betont der Vater von fünf Kindern, wie wichtig ihm seine saarländische Heimat ist, wo er viele seiner freien Wochenenden in Wallerfangen verbringt. Er ht dort auch viele Kontakte.

Niemand wäre erstaunt, sollte der nächste EZB-Chef François Villeroy de Galhau heißen. Ebenso wenig überraschend wäre allerdings auch, wenn der Franzose in den Wirren der europäischen Machtarithmetik zwischen Parteienproporz, Machtbalance zwischen Ost-West-Nord-Süd, Ausgleich zwischen reichen und armen Ländern und weiteren Faktoren leer ausgehen würde.