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Autoindustrie: Fiats Retter Sergio Marchionne ist tot

Autoindustrie : Fiats Retter Sergio Marchionne ist tot

Sergio Marchionne wollte Fiat zum Apple der Autoindustrie machen. Das hat er nicht erreicht. Trotzdem hat der Topmanager bei dem Konzern Geschichte geschrieben.

Plötzlich rückten seine Eigenschaften als Spitzenmanager in den Hintergrund – und der Mensch Sergio Marchionne wurde ein wenig sichtbar. Schon Tage bevor sein Tod gestern mitgeteilt wurde, wurde der Italo-Kanadier gewürdigt. Als einer, der zuhört und großzügig ist. Bekannt war der langjährige Konzernlenker bei dem italienisch-amerikanischen Autobauer Fiat Chrysler (FCA) und der Tochter Ferrari für seinen kompromisslosen und teils rücksichtslosen Ehrgeiz. Nach Komplikationen bei Operation in Zürich hatten Fiat und Ferrari am Samstag mitgeteilt, dass der 66-Jährige den Posten des Vorstandschefs abgeben müsse. Der Vorstandsvorsitzende der Chrysler-Tochtermarke Jeep, Mike Manley, übernahm das Ruder. Gestern nun starb Marchionne.

„Leider ist das, was wir befürchtet haben, eingetreten. Sergio Marchionne, ein Mann und Freund, ist fort“, sagte Fiat- und Ferrari-Präsident John Elkann laut einer Mitteilung. Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella würdigte Marchionne als Visionär, der eine wichtige Seite der Geschichte der Industrie des Landes geschrieben, nie Konflikte gescheut und nie aufgehört habe, für seine Pläne zu kämpfen. „Es gibt keinen Zweifel, dass Sergio ein sehr besonderer Mann war. Es ist eine sehr traurige und schwierige Zeit“, sagte der neue Vorstandschef Manley.

Eigentlich sollte Marchionne im nächsten Jahr in Ruhestand gehen. Mit einem erreichten Ziel in der Tasche, das dem gebürtigen Italiener mit kanadischem Pass so wichtig war. Für Ende Juni hatte der Topmanager die Schuldenfreiheit von Fiat-Chrysler erklärt.

2004 kam Marchionne zu dem kriselnden Turiner Großkonzern Fiat und rettete das Unternehmen vor der Pleite. Er baute die Bürokratie ab und halbierte die Entwicklungszeiten für neue Modelle. 2007 sagte er: „Ich will, dass Fiat zum Apple der Autos wird. Und der 500 wird unser iPod.“ Ganz so weit ist es nicht gekommen, aber er machte Fiat wieder groß. Der entscheidende Schritt dazu war die Fusion mit Chrysler 2014. Marchionne gelang es, aus den zwei schwer angeschlagenen Konzernen Fiat und Chrysler einen globalen Player der Automobilindustrie zu machen.

Der 1952 in den Abruzzen geborene Marchionne wanderte mit seiner Familie nach Kanada aus, als er 14 Jahre alt war. Dort studierte er neben Wirtschaft und Jura auch Philosophie. Vor seiner Zeit bei Fiat arbeitete er bei Verpackungsfirmen und wurde Chef eines Genfer Prüfkonzerns.

Seine markigen Sprüche waren im Laufe seiner Karriere immer wieder für eine Nachricht gut. Etwa als Vorwürfe aufkamen, auch Fiat habe bei Abgaswerten geschummelt. Damals sagte Marchionne mit Blick auf VW: „Wer uns mit dem deutschen Unternehmen vergleicht, hat etwas Illegales geraucht.“ Auch bei Ferrari, dessen Präsident er 2014 und dessen Vorstandschef er 2016 wurde, war er dafür bekannt. Brüsk sagte er vor der Vorstellung eines Rennwagens in Richtung seiner Ingenieure und Teamchef Maurizio Arrivabene: „Entweder haben sie ein Monster oder Müll gebaut.“

Seine Eigenschaft als jemand, der nie den Status quo akzeptiert hätte und nie mit einem „gut genug“ zufrieden war, sei in die Unternehmenskultur von Fiat-Chrysler übergegangen, sagte Fiat- und Ferrari-Präsident John Elkann kurz vor Marchionnes Tod. Marchionne sei ein einmaliger, „erleuchteter“ Manager gewesen – für ihn persönlich aber in erster Linie ein wahrer Freund.

Gewiss wäre Marchionne nicht mit den gestern veröffentlichten Unternehmenszahlen zufrieden. Der Quartalsgewinn fiel im Jahresvergleich um gut ein Drittel auf 754 Millionen Euro. Die Jahresprognose für das Ergebnis vor Zinsen und Steuern wurde von 8,7 Milliarden auf 7,5 bis acht Milliarden Euro gekürzt. Besonders im China-Geschäft bereitet der Zollstreit zwischen den USA und China Probleme.

Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi hob Marchionne als jemand hervor, „der die Industrie-Geschichte Italiens verändert hat – ob es seinen Verleumdern gefällt oder nicht“. Dabei erinnerte Renzi an die Kämpfe, die Marchionne mit den Gewerkschaften ausgefochten hatte. „Wenn Italien ein paar weitere Marchionnes gehabt hätte, hätten wir eine wettbewerbsfähige Alitalia und einige starke Banken, die in der Welt bekannt wären.“