Extreme Belastungen für Beschäftigte

Extreme Belastungen für Beschäftigte

Seit dem 1. November 1996 sind die Ladenöffnungszeiten liberalisiert. Verbraucher können nicht nur bis 18.30 Uhr einkaufen. Für Kunden hat sich die Novellierung des Ladenschlussgesetzes gelohnt, für die Beschäftigten nicht, sagt Verdi-Vorstandmitglied Stefanie Nutzenberger. Mit ihr sprach SZ-Korrespondent Hagen Strauß.

War die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten alles in allem ein Erfolg?

Nutzenberger: Nicht für die Beschäftigten. Die längeren Öffnungszeiten brachten einen Prekarisierungsschub.

Wie meinen Sie das?

Nutzenberger: Die Unternehmen decken längere Öffnungszeiten über immer flexiblere Arbeitszeitmodelle ab. Wir sehen seit Jahren, dass Vollzeitarbeitsplätze abgebaut werden und Teilzeit sowie 450-Euro-Jobs zugenommen haben. Rund zwei Drittel der etwas über drei Millionen Beschäftigten arbeiten nicht mehr in Vollzeit. Das ist aber, entgegen aller Legendenbildung, im Handel oft keine freiwillige Teilzeit - von der gängigen Praxis, Beschäftigte sehr kurzfristig für Arbeitseinsätze anzurufen, ganz zu schweigen. Das bedeutet eine Extrembelastung für die Beschäftigten und ihre Familien.

Macht denn der Einzelhandel seit der Liberalisierung wenigstens mehr Umsatz ?

Nutzenberger: Es hat nur eine Verschiebung von Marktanteilen gegeben: Statt mehr Umsatz zu generieren, wird der gleich große Kuchen nur anders verteilt. Vor allem mittelständische und kleine Händler können aber bei sehr ausgeweiteten Öffnungszeiten nicht mitziehen und geraten ins Hintertreffen.

Wie hat sich vor diesem Hintergrund die Bezahlung der Beschäftigten verändert?

Nutzenberger: Die längeren Öffnungszeiten haben den Verdrängungswettbewerb weiter angeheizt. Der wird nicht nur über Öffnungszeiten und extrem flexibilisierte Arbeitszeiten ausgetragen, sondern auch über die Löhne. Die Tarifbindung im Handel sinkt, immer weniger Beschäftigte können von ihren Einkommen leben und sind mit Lohndumping konfrontiert. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Tarifverträge wieder für allgemeinverbindlich erklären. Doch leider weigern sich die Arbeitgeber, diesen Schritt mit uns zu gehen.

Der Trend geht zum Einkauf im Internet. Wie muss der Einzelhandel darauf reagieren?

Nutzenberger: Mit guter Beratung und Service vor Ort. Die Kunden werden weiter auf ein befriedigendes Einkaufserlebnis im Laden zurückgreifen wollen. Dafür brauchen sie stationäre Händler , die alle Chancen nutzen, etwa auch die schnelle Bestellung von Waren in den Laden für eine Ansicht. Der Handel braucht motiviertes und qualifiziertes Personal. Den Wettbewerb mit Online vor allem über Öffnungszeiten gewinnen zu wollen, ist wenig aussichtsreich.

Mehr von Saarbrücker Zeitung