Experten halten US-Kampagne gegen Huawei für übertrieben

Sicherheit der Telekommunikation : Experten halten Warnung vor Huawei für übertrieben

Für die Vorwürfe gegen den Technologie-Riesen fehlen die Belege. Was die USA den Chinesen vorwerfen, haben sie selbst schon getan.

Die USA haben wiederholt vor möglichen Hintertüren in Huawei-Geräten gewarnt. Sie könnten für Spionage oder gar Schlimmeres genutzt werden, heißt es seit dem vergangenen Jahr aus Washington. Bei der Umstellung auf den neuen Mobilfunkstandard 5G rät die Regierung allen Ländern zu einem Ausschluss des chinesischen Herstellers. Indirekt wird sogar mit Sanktionen gedroht. Sicherheitsexperten sind skeptisch.

Die Zweifel beruhen vor allem auf zwei Gründen. Erstens hat Washington bisher kaum konkrete Details zur Begründung des Verdachts vorgelegt. Und zweitens wird in der Argumentation ignoriert, dass Peking gar nicht auf derartige Schnittstellen angewiesen wäre, um Netzwerke anzuzapfen. Staatliche Hacker attackieren nicht über Hardware bestimmter Marken. Die vom Kreml ausgehenden Cyberattacken zum Beispiel greifen auf Ausrüstung diverser Anbieter zurück, die allesamt nicht russisch sind.

In den USA herrscht die Angst, dass Huawei die eigenen Produkte mit Software versieht, die chinesische Geheimdienste nutzen könnten, um Datenverkehr abzugreifen oder Störmanöver zu starten. Ist dies aber wirklich plausibel? Wenn die Chinesen die globalen Systeme manipulieren wollten, würden sie das unabhängig von der Art der verwendeten Ausrüstung tun, sagt Jan-Peter Kleinhans von der Stiftung Neue Verantwortung in Berlin.

Auch Priscilla Moriuchi, die bis 2017 beim US-Geheimdienst NSA für Ostasien zuständig war, bezeichnet die Gefahr durch Hintertüren in Huawei-Geräten als „nahezu null“ – und zwar gerade „wegen der Möglichkeit, dass sie entdeckt würden“. Denn wäre eine solche Verstrickung nicht mehr zu leugnen, dürfte dem Unternehmen erheblicher wirtschaftlicher Schaden drohen. In ihrer Zeit bei der NSA habe sie gemeinsam mit Kollegen Huawei-Produkte überprüft, dabei aber nie irgendwelche Hinweise auf entsprechende Manipulationen gefunden, sagt Moriuchi, die heute für das IT-Sicherheitsunternehmen Recorded Future arbeitet.

Die Regierungen in Europa sind angesichts der Zweifel bisher nicht auf den Kurs der Amerikaner eingeschlagen. Doch der Druck aus Washington steigt. Die USA belassen  es nicht bei Empfehlungen. An Länder, die eine Anschaffung weiterer Huawei-Technik in Erwägung ziehen, richtete US-Außenminister Mike Pompeo vergangene Woche eine kaum verhohlene Drohung. Dies würde nicht nur die geheimdienstliche Kooperation mit den USA gefährden, sondern könne auch eine Verlegung von amerikanischen Militärstützpunkten zur Folge haben, sagte er. Die Botschaft dürfte unter anderem den Nato-Partnern Polen und Tschechien gegolten haben, die bisher stark auf Huawei setzen.

In der breiten Öffentlichkeit ist Huawei es heute vor allem für seine Smartphones bekannt. Im Geschäftsfeld Kommunikationsausrüstung löste Huawei im Jahr 2017 den schwedischen Konkurrenten Ericsson als Weltmarktführer ab. Nach eigenen Angaben beliefert das Unternehmen 45 der 50 weltweit größten Telekommunikationsanbieter und hat mit 30 Betreibern Verträge für Tests mit dem 5G-Standard.

In den USA führte ein Kongressbericht von 2012 dazu, dass Huawei in vielen Bereichen vom nationalen Markt verbannt wurde. „Hintergrund des Ganzen ist vor allem der Aufstieg Chinas zu einem Technologieführer“, sagt Paul Triolo von der Risikoberatungsfirma Eurasia Group. Aktuell werde in einer „großen Kampagne“ versucht, Huawei als „unverantwortlichen Akteur“ darzustellen.

Die Ironie an der Sache ist die, dass die Amerikaner das, was sie den Chinesen vorwerfen, selbst längst getan haben. Laut streng vertraulicher Dokumente, die 2013 von dem Ex-Geheimdienstler Edward Snowden veröffentlicht wurden, bauten die USA Abhörtechnik in Netzwerkausrüstung ein und verbreiteten diese weltweit. Betroffen waren demnach auch Geräte von Cisco Systems aus dem Silicon Valley. Dessen Router wurden daraufhin von China auf eine Schwarze Liste gesetzt.

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