Experte: Banken in Deutschland gehen notwendige Reformen zu langsam an

Eckart Eller im Interview : „200 000 Banken-Arbeitsplätze fallen weg“

Vorstandschef der El-Net-Group Unternehmensberatung rechnet mit größtem Personalabbau in der Geschichte der deutschen Banken.

Die Unternehmensberatung El-Net-Group, die sich auch auf den Bankensektor spezialisiert hat, erwartet den bisher größten Personalabbau in der Geschichte der Banken in Deutschland. Vorstandschef Eckart Eller, der selbst Banken berät, rechnet mit dem Verlust von 200 000 Stellen. Wir sprachen mit ihm über Gründe.

Herr Eller, Sie beraten Banken in Fragen der Personalpolitik, darunter Großbanken. Sie gehen davon aus, dass die deutschen Banken vor dem größten Personalabbau ihrer Geschichte stehen. Woran liegt es?

Eller Durch die niedrigen Zinsen, ständig zunehmenden Regularien mit umfangreichen Dokumentationspflichten und einer immer schnelleren Digitalisierung fehlen den Banken immer mehr Erträge. Das wird noch erheblich schlimmer.

Wie hoch wird der Personalabbau sein?

Eller Von den derzeit noch rund 600  000 Beschäftigten in den Banken in Deutschland wird es meiner Überzeugung nach mindestens ein Drittel treffen, also rund 200 000 Beschäftigte. Das ist die Folge der Ertragslage, niedriger Zinsen und anderer Produkte als in früheren Zeiten. Hinzu kommt, dass im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr so viele Menschen gebraucht werden. Außerdem müssen die Banken ihre Kosten deutlich senken, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

In welcher Größenordnung denken Sie da?

Eller Die Kosten müssen um mindestens 30 Prozent gesenkt werden. Nach unserer Beobachtung wird das Thema Kostensenkung längst nicht energisch genug angegangen. Wir müssen sofort reagieren, sonst wird die Situation noch schlimmer und es wird zu einem noch höheren Personalabbau kommen.

Wieso ist denn das Beharrungsvermögen an den Vorstandsspitzen zahlreicher Banken so ausgeprägt?

Eller Viele glauben noch, dass irgendwann wieder eine Hochzinsphase kommt. Davon ist aber in Europa und in Deutschland nichts zu spüren. Außerdem fehlt an der Spitze der meisten Banken der Mut, die dringend notwendigen Reformen umzusetzen.

Haben die Vorstandschefs Angst, ihren Mitarbeitern die Wahrheit zu sagen oder fürchten sie womöglich auch ein schlechtes Bild in der Öffentlichkeit, weil ihre Bank dann womöglich schnell als ein Sanierungsfall dastehen könnte?

Eller Genau so ist es.

Haben wir zu viele Banken in Deutschland und den Regionen?

Eller Ja. Der Konzentrationsprozess wird weitergehen. Er wird sich auch beschleunigen.

Woran liegt es, dass Fusionen nur so langsam vorankommen? Häufig ist zu beobachten, dass sie überhaupt nur zustande kommen, wenn ein betroffener Vorstandschef auf die Pensionierung zugeht oder ihm in der fusionierten Bank ein attraktiver Führungsposten angeboten wird.

Eller Das stimmt. Ich habe in meinem Freundeskreis einige Sparkassen-Direktoren. Die sagen sich: eigentlich müsste ich aufhören. Ich bin jetzt 60, aber ich habe noch Kinder, die sind noch schulpflichtig oder studieren. Also hänge ich noch drei, vier Jahre dran. Die bewegen in dieser Zeit natürlich nichts und sie setzen auch keine Reformen mehr in Gang. Die machen weder eine Sanierung noch eine Restrukturierung. Dafür werden sie auch nicht belohnt. Ein solches Vorgehen verhindert jedoch notwendige Reformen und gefährdet eine Bank langfristig in ihrem Bestand.

Wer könnte dieses System durchbrechen?

Eller Die Politik. Aber die will auch kein Bankensterben in Deutschland sehen. Man kann Bankenvorstände, die im Alter nicht aufhören wollen, auch nicht einfach ablösen.

Wird die Bank-Filiale im Zeitalter von Online-Banking überhaupt noch gebraucht?

Eller Ja. Sie wird besonders gebraucht, wenn es um die Vermittlung von Krediten geht, etwa für den Mittelstand. Oder generell, wenn es um komplizierte Situationen und die Notwendigkeit eines Kredites geht. Der Bankberater wird auch künftig eine große Rolle spielen.

Haben Regionalbanken möglicherweise gegenüber Großbanken einen Wettbewerbsvorteil im Kampf um Kunden, weil sie besonders eng in der Region verankert sind und deren wirtschaftliche Entwicklung beziehungsweise die ihrer Kunden meist auch über einen langen Zeitraum hinweg kennen?

Eller Das ist ein großer Vorteil für Sparkassen und Raiffeisenbanken. Die Großbanken haben früher immer vom internationalen Geschäft gelebt, verbunden mit hohen Margen. Diese Zeiten haben sich jedoch verändert. Die Regionalbanken haben sich sehr intensiv auf ihre Kunden vor Ort eingestellt und profitieren davon. Das wird auch künftig so bleiben. Diese Banken werden dadurch in Zukunft eher noch in ihrer Wettbewerbssituation gestärkt. Die Großbanken haben auch eine Zukunft, aber sie sollten sich der aktuellen Lage anpassen und auch ihr Personal reduzieren. Je früher das passiert, desto besser ist das für die qualifizierten Mitarbeiter, die auch in anderen Branchen gebraucht werden. Alle Banken sollten sich zudem stärker auf bestimmte Kundenbereiche spezialisieren.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE
THOMAS SPONTICCIA

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