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„Eine große Unversöhnlichkeit“

„Eine große Unversöhnlichkeit“

Autor Frank Witzel hat 2015 den Deutschen Buchpreis gewonnen: Sein Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ erzählt vom Aufwachsen in der Provinz, vom Terror der RAF und von den Abgründen der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Morgen liest Witzel im Saarbrücker Filmhaus. SZ-Mitarbeiter David Lemm sprach mit ihm.

Wie hat sich der Buchpreis auf ihr Leben ausgewirkt?

Witzel: Mein Leben hat sich insofern verändert, dass ich seit dem Oktober die meiste Zeit unterwegs zu Lesungen bin. Der Ruhm hält sich glücklicherweise in Grenzen, aber es ist sehr schön, dass der Roman auf so viel Interesse stößt.

Die Hauptfigur ihres Romans ist ein namenloser Ich-Erzähler, der in der hessischen Provinz Anfang der 70er Jahre aufwächst. Warum haben Sie sich für diese Perspektive mit Adoleszenz und Provinz entschieden?

Witzel: Der Grund liegt in meiner eigenen Biographie. Ich wollte eine gewisse Periode in meiner Entwicklung festhalten, die ich erst einmal nur sehr diffus, dafür umso intensiver in Erinnerung behalten hatte. Ich habe dann für dieses ungenaue Gefühl Erzählformen gesucht, um es mithilfe der Fiktion bildlich und greifbar zu machen.

In ihrem Buch geht es auch um dem RAF-Terror der 70er. Terroristen haben mit dem Aufkeimen des "islamistischen Terrors" weltweit Konjunktur. Was macht die Faszination des Terrorismus für die Täter aus?

Witzel: Der Terrorismus ersetzt das, was ihm an Reflexionsvermögen fehlt, durch meist blinden und sehr gewalttätigen Aktionismus. Mit dem meint man, gegen eine bestimmte Gesellschaftsform vorzugehen, wobei man in Wirklichkeit immer einzelne Menschen und deren Leben zerstört. Man könnte den Terrorismus als den Sieg der Idee über die Realität bezeichnen: Der Terrorist empfindet alles, was er anrichtet, als notwendigen Kollateralschaden auf dem Weg zur Veränderung.

Was lernt man aus der Beschäftigung mit der alten BRD?

Witzel: Da man immer mit einer gewissen Blindheit geschlagen ist, was die Analyse der eigenen Epoche und des aktuellen Lebensumfelds angeht, erscheint es mir lohnend, die offensichtlichen Mechanismen der Verdrängung, Kontrolle und Unterdrückung vergangener Zeiten zu betrachten. So kann man einen anderen Blick auf seine Gegenwart erhalten.

Im Roman loten Sie die Abgründe der deutsche Nachkriegsgesellschaft aus, die aus der kollektiven Verdrängung der NS-Gewalt resultieren. Welche Abgründe zeichnen die heutige Gesellschaft aus?

Witzel: Ich glaube, dass wir es heute mit einer ganz anderen Form der Verdrängung zu tun haben als in der Nachkriegszeit. Scheinbar werden alle Bereiche thematisiert und öffentlich verhandelt - doch nicht nur in den verbalen Zuspitzungen und Injurien der sozialen Netzwerke, sondern auch im allgemeinen Diskurs scheint eine große Unversöhnlichkeit zu herrschen, gepaart mit der sofortigen Bereitschaft, andere Meinungen, oft ohne Argumente, auszugrenzen. Das Verdrängte wird heute nicht mehr verschwiegen, sondern in Szene gesetzt und dargestellt, dabei erfüllt es aber immer noch dieselbe Funktion wie früher: nämlich das abzuwehren, was einem unbequem ist.

Frank Witzel liest morgen ab 20 Uhr im Saarbrücker Filmhaus. Karten (7/5 Euro) unter Tel. (06 81) 95 80 54 64, l-hofstaetter@t-online.de oder an der Abendkasse. Die Lesung ist eine Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung Saar in Zusammenarbeit mit Ludwig Hofstätter und SR2 Kulturradio.

In Frank Witzels Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" gibt es viele Momente des Bedrohlichen: Ein Kindermörder drangsaliert die Fantasie des Pubertierenden; die Provinz hat etwas Bedrückendes; und hinter der Fassade der blankgeputzten Häuschen und unter den penibel gepflegten Vorgärten scheint etwas Unaussprechliches zu lauern. Kein Wunder: Viele Nazi-Verbrecher sind in der jungen Republik weiter in Amt und Würden.

War lange Zeit die Nostalgie das bestimmende Gefühl beim Blick zurück, so kommt seit einiger Zeit etwas Doppelbödiges hinzu. Der Philosoph Philipp Felsch hat dafür den Begriff "BRD Noir" geprägt: "Auf der Suche nach dem öffentlich-rechtlichen Gesicht der Epoche tendieren wir nicht mehr zu dem biederen Frank Elstner, sondern zu dem unheimlichen Eduard Zimmermann." Der moderierte die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY".

Ganze Generationen haben sich von den Einspielfilmen und der Stimme Zimmermanns ängstigen lassen. Anhand solcher anekdotischer Erinnerungen versuchen Philipp Felsch und Frank Witzel in ihrem gemeinsamen Gesprächsbuch den Terminus "BRD Noir" einzugrenzen und produktiv zu machen. Das Film-Genre des Noir dient als "heuristische Brille", durch die Alltagsphänomene, Unfassbares, Verdrängtes neu betrachtet werden können. Die Kommunikationssituation ist interessant: Zwischen Witzel (Jahrgang 1955) und Felsch (Jahrgang 1972) liegen entscheidende Jahre. Wo der eine aus dem Vollen seiner Erinnerung an die miefigen sechziger Jahre schöpfen kann, versucht der andere als Wissenschaftler jenes "Aroma" retrospektiv zu erspüren. Erstaunlich ist die Ähnlichkeit beider Erfahrungen mit der alten, restaurativ geprägten und spätestens 1990 verschwundenen Bundesrepublik. Das Gespräch kreist um das eigene Aufwachsen in der Provinz, um die Wahrnehmung der RAF, um Doppelmoral und den Zwang, sich reinwaschen zu wollen, um Adorno und Heinz Rühmann, um die Spiegelung gesellschaftlicher Wirklichkeit im Fernsehen, vor allem in Krimiserien.

Man hört zwei Schriftstellern und Ethnologen beim Verfertigen ihrer Gedanken zu. Heraus kommt dabei keine wissenschaftliche Studie; manche Thesen sind steil und mit der Lust am assoziativen Spiel vorgetragen. Einiges wird nur angetippt, aber so, dass man sich angestoßen fühlt, manchen Überlegungen selber ein Stückchen weiter zu folgen.

Philipp Felsch / Frank Witzel: BRD Noir. Matthes & Seitz, 174 Seiten, 12 Euro.