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Ein tückischer „Zinsturbo“

Ein tückischer „Zinsturbo“

Die Bausparkasse Debeka hat sich ein Angebot einfallen lassen, um die Lasten aus alten hoch verzinsten Verträgen zu mindern. Verbraucherschützer raten von dem sogenannten „Zinsturbo“ ab.

Das Schreiben der Bausparkasse Debeka kam Anfang Mai. Auf den ersten Blick liest es sich in den gegenwärtigen Nullzins-Zeiten attraktiv. "Nutzen Sie den Zinsturbo für Ihr Bausparguthaben", steht in fetten Lettern ganz oben. Die Debeka , die ihre Zentrale in Koblenz hat, schreibt so Kunden an, die bei ihr schon einen Bausparvertrag abgeschlossen haben. Das Unternehmen lockt je nach Laufzeit des Angebots mit Zinsen von drei bis fünf Prozent. Wer das Angebot annehmen will, muss seinen bisherigen Vertrag aber kündigen. Doch was so verlockend klingt, ist nur für einen Beteiligten attraktiv: die Bausparkasse. Jeder Sparer, der sich auf das Angebot einlässt, macht ein dickes Minusgeschäft.

Die Kunden bekommen beim "Zinsturbo" ein sogenanntes Entnahmedepot. Das funktioniert so: Zum Beispiel zahlt ein Bausparer 5000 Euro Guthaben ein. Die Debeka bietet dafür vier Jahre lang 3,5 Prozent Zinsen . Das Kapital wird in 48 Monatshäppchen zu rund 111 Euro komplett ausgezahlt. Danach ist das Anlagekonto leer, und der Kunde hat in den vier Jahren etwa 343 Euro Zinsen kassiert. Bausparer, die gar nichts machen, also ihr Geld auf dem Konto bei der bis weit ins Jahr 2011 angebotenen Standardverzinsung von drei Prozent liegen lassen, haben am Ende jedoch mehr Geld. In den 48 Monaten würden etwa 630 Euro Zinsen auflaufen, also fast doppelt so viel.

Die Anlageexpertin Martha Chlebowski von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat die Renditen verglichen und kommt zu einem eindeutigen Urteil: "Der Zinsturbo ist den Kunden nicht zu empfehlen." Durch die regelmäßige monatliche Entnahme wird das noch zur Verzinsung herangezogene Guthaben immer geringer. Die Zinsgutschriften werden immer kleiner. "Der Zinsturbo geht für die Verbraucher damit nach hinten los."

Das Motiv der Debeka liegt auf der Hand: Sie versucht, sich von vergleichsweise hochverzinsten Bausparverträgen zu trennen. Sie hat Kunden noch bis vor wenigen Jahren versprochen, drei Prozent Zinsen zu zahlen. In der Nullzins-Phase bereut sie es offensichtlich und versucht gegenzusteuern.

In der gesamten Bausparbranche geht es hoch her zwischen Sparern und Kassen: 200 000 hochverzinsliche Altverträge wurden bereits von den Instituten gekündigt. Es laufen über 1000 Gerichtsverfahren, in denen sich Bausparer zur Wehr setzen. Meist geben die Richter den Bausparkassen Recht. Ein höchstrichterliches Urteil steht aber noch aus.

Die Branche kündigt in der Regel Verträge, die länger als zehn Jahre zuteilungsreif sind. Mit dem "Zinsturbo" macht die Debeka auch Bausparern, die noch gar nicht lange dabei sind, das Angebot zum Aussteigen. Selbst Verträge, die erst vor knapp fünf Jahren abgeschlossen wurden, werden umworben.

Es geht der Bausparkasse offenbar nicht nur darum, Zahlungsverpflichtungen abzulösen, die die Zukunft beschweren. Die Debeka will auch das eigene Geschäft ankurbeln. Da raten Vertriebsmitarbeiter den Kunden , das aus dem Entnahmedepot ausgezahlte Geld wieder neu anzulegen. Zum Beispiel in einen neuen Bausparvertrag. Der Slogan ist eingängig: "günstige Darlehenszinsen für die eigenen vier Wände sichern". Auch das ist ein seltsamer Tipp: Die Guthabenzinsen bei dem alten Vertrag, der jetzt für den "Zinsturbo" liquidiert werden soll, sind viel höher. Dass der Kunde erneut Abschlussgebühren zahlen müsste und die Rendite schlechter wäre, auch das verschweigt der Prospekt.

Die Debeka weist die Kritik zurück: Man müsse beachten, heißt es in einer Stellungnahme, "dass es sich ausschließlich um ein unverbindliches Angebot handelt". Nur wenn der Kunde Interesse signalisiere, unterbreite ein Berater ein Angebot und kläre über alle Aspekte auf. Und weiter: "Wir gehen nicht davon aus, dass die einzige Kundenintention darin besteht, eine möglichst hohe Rendite zu erzielen." Denkbar sei auch, dass der Kunde flüssig sein wolle, etwa um einen Leasingvertrag für ein Auto abzuschließen.

Meinung:

Dreiste Kundentäuschung

Von SZ-Redakteur Joachim Wollschläger

Man kann die Debeka für die Fürsorge, die sie ihren Kunden angedeihen lässt, nur bewundern. Weil diese vielleicht ein Auto leasen oder aus anderen Gründen flüssig sein wollen, bietet sie ihnen eine Möglichkeit, schnell aus ihren hochverzinsten Bausparverträgen herauszukommen. Wie nett!

Im Ernst: Dass Bausparkassen versuchen, sich von ihren teuren Altverträgen zu trennen, ist nicht ganz neu. Den Kunden nun aber einen finanziell unrentablen Vertrag als "Zinsturbo" zu verkaufen und sie dann noch aufzufordern, das frei gewordene Geld in einen niedrig verzinsten Vertrag bei Zahlung einer neuen Abschlussgebühr zu investieren, das ist an Dreistigkeit kaum zu übertreffen.