1. Nachrichten
  2. Wirtschaft

Die Windkraft-Fans aus dem Hochwald

SZ-Serie Windkraft : Die Windkraft-Fans aus dem Hochwald

Vor fünf Jahren hat Henry Selzer die Bürgerenergie- Genossenschaft Hochwald gegründet. Inzwischen hat sie 600 Mitglieder, SZ-Serie Teil 7.

Henry Selzer ist ein Überzeugungstäter. Die Energiewende ist dem ehemaligen Schatzmeister der Bundes-Grünen eine Herzensangelegenheit. Doch schon früh dämmerte es ihm, dass sie nicht von oben verordnet werden kann. "Windkraft-Projekte und Photovoltaik-Felder auf größeren Flächen werden von den Menschen wesentlich besser akzeptiert, wenn sie persönlich davon profitieren", so seine Erfahrung. Daher hat er vor fünf Jahren die Bürgerenergie-Genossenschaft (BEG) Hochwald gegründet. "Die ersten Sitzungen fanden in meiner Küche statt." Inzwischen zählt die BEG rund 600 Mitglieder. Jeder kann Genossenschafts-Anteile ab 500 Euro zeichnen. Möglich sind bis zu drei Anteile. Allerdings können sich die Bürger auch direkt an Windpark-Projekten beteiligen, wenn die Genossenschaft Geld für ein neues Vorhaben einsammelt. "Im Durchschnitt stellen die Bürger dafür zwischen 15 000 und 18 000 Euro zur Verfügung", bilanziert Selzer. Bisher sei immer mehr Geld zusammengekommen als nötig war. Zusammen mit Eigen- und Fremdkapital hat die BEG bis Ende 2015 Investitionen von etwa 21 Millionen Euro angestoßen.

Den Anfang machte sie mit dem Bürgerwindpark Losheim-Galgenberg. Drei Räder drehen sich dort seit August 2014. Die BEG hält hier 85 Prozent an der Betreibergesellschaft, der Bürgerwindpark Losheim-Galgenberg GmbH. Hinzu kommen Beteiligungen an den Windparks Perl sowie Merchingen II und Silwingen/Büdingen, bei denen die BEG mit unterschiedlichen Anteilen engagiert ist. Weitere Projekte sind in Vorbereitung. "Derzeit haben wir insgesamt zehn saarländische Windparks im Visier. Bei sechs von ihnen gibt es bereits die Zusagen."

Mit der Zeit kommt auch die Erfahrung. "Die Rahmendaten müssen passen, damit die Sache finanziell aufgeht", erläutert Selzer. Unter anderem müsse sich die Höhe der Pacht im Rahmen halten. Außerdem dürften die Wartungsverträge nicht zuviel kosten und die Verwaltung der Betreibergesellschaften müsse schlank organisiert sein. "Es dürfen keine unnötigen Geschäftsführerposten geschaffen werden." Zudem müsse die Windhöffigkeit stimmen - also die Eignung einer Fläche für die Nutzung der Windenergie -, so dass mit einer stabilen Strom-Ernte gerechnet werden kann. "Im Saarland erreichen wir an den besten Standorten eine Windhöffigkeit von maximal 7,7 Meter pro Sekunde, gute Standorte liegen zwischen 6,2 und 6,8 Meter", erläutert Selzer. "Alles, was tiefer liegt, wird kritisch."

Bislang habe es bei den Windpark-Projekten im nördlichen Saarland zudem keine Beschwerden oder Einsprüche gegeben. Das sei auch das Verdienst der BEG, durch die jeder, der will, von der Stromernte profitieren kann. "Man muss die Menschen frühzeitig über die Vorhaben informieren und Transparenz schaffen", sagt Selzer. Außerdem müssten die Abstände zur Wohnbebauung stimmen, um Nachteile wie den Schattenwurf der Rotorblätter, den Disko-Effekt durch die Warnblinklichter oder die Gefahr eines Eiswurfs im Winter zu minimieren.

Nichts hält er von dem Gegenargument des Infraschalls im Niederfrequenz-Bereich, der von den Rotoren ausgehe und die Menschen angeblich krankmache. "Das ist seriös nicht messbar." Auch dass die Immobilien in der Nähe von Windanlagen an Wert verlieren, bestreitet er. "Rund um Losheim stehen inzwischen zwölf Windräder, aber die Preise für Häuser und Wohnungen im Ort steigen ständig."

Selzer und seine Vorstandskollegen Reinhard Demuth und Gert Heiermann managen die BEG ehrenamtlich und ohne Aufwandsentschädigung. Selzer ist im Brotberuf Lehrer, Demuth Zahnarzt und Heiermann, heute Rentner, war früher Bereichsleiter bei Thyssen-Krupp. Dieses Modell soll so lange beibehalten werden, "bis wir eine Dividende ausschütten", sagt Selzer. Das könnte bald der Fall sein. Für das Geschäftsjahr 2016 ist eine Verzinsung von zwei Prozent auf Genossenschaftskapital geplant.

Heftige Kritik übt Selzer an dem neuen Ausschreibungsverfahren für Windstrom, das künftig für die Anlagen an Land gilt. Danach werden anfangs 2800 Megawatt Windleistung pro Jahr ausgeschrieben. Wer das niedrigste Angebot abgibt, erhält den Zuschlag und hat diesen Preis 20 Jahre sicher. Es gibt zwar Ausnahmen für Energiegenossenschaften. So wird ihnen Windleistung zugeteilt, auch wenn sie das höchste Gebot abgeben. Doch Selzer ist überzeugt, "dass sich hier die großen Stromkonzerne wieder durchgesetzt haben, obwohl sie die Energiewende verschlafen haben". Die Chance einer großflächig dezentralen und bürgernahen Energieversorgung werde damit vertan. Doch um seine BEG Hochwald ist ihm nicht bange. "Wir werden trotz dieser veränderten Rahmenbedingungen erfolgreich bleiben", ist er überzeugt. Er denkt auch über neue Geschäftsfelder nach - zum Beispiel im Bereich der Elektro-Mobilität.

Zum Thema:

Sieben Bürgergenossenschaften im Saarland Neben der BEG Hochwald, die inzwischen die größte in Südwestdeutschland ist, gibt es im Saarland noch sechs weitere Bürgerenergiegenossenschaften: die Raiffeisen-Bürgerenergiegenossenschaft Bliesgau (Blieskastel), die Quierschieder Energiegenossenschaft, die BEG Eppelborn und Köllertal (Püttlingen), die Energiegenossenschaft Ottweiler-Fürth sowie die BEG St. Wendeler Land (Freisen). Einige von ihnen investieren allerdings nur in Photovoltaik- beziehungsweise Biogas-Anlagen, weil hier die Investitionen überschaubarer sind.