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Die freiwillige Selbstverpflichtung der Textilbranche funktioniert nicht.

Unwürdige Arbeitsbedingungen : Müllers Textilbündnis bröckelt

Nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesh wollte die Branche neue, freiwillige Standards etablieren. Doch immer mehr Firmen springen ab.

Es ist eines der Prestigeprojekte von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU): Das Textilbündnis. Darin verpflichten sich deutsche Unternehmen, freiwillig für faire Arbeitsbedingungen und existenzsichernde Löhne bei der Herstellung ihrer Produkte in Entwicklungsländern zu sorgen. Doch das Bündnis steckt offenkundig in der Krise. Denn der Minister hat inzwischen seine Drohung wahr gemacht und ein Gesetz erarbeiten lassen, um die Unternehmen zu Reformen vor Ort zu zwingen. Vorgesehen sind auch empfindliche Strafen.

Sechs Jahre nach dem verheerenden Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch mit mehr als 1100 Toten forderte Müller die Branche kürzlich zu weiteren Schritten im Arbeitsschutz auf. „Das dramatische Unglück von Rana Plaza war ein Weckruf an Wirtschaft und Politik, grundlegende Verbesserungen in der Lieferkette der Textilwirtschaft umzusetzen“, sagt der CSU-Mann. Das Ziel sicherer, fairer und nachhaltiger Arbeitsplätze für alle sei noch nicht erreicht. In Deutschland hätten sich 50 Prozent der Branche dem Textilbündnis angeschlossen – nur 50 Prozent muss man freilich sagen. Viele haben den Zusammenschluss inzwischen wieder verlassen, allein 2018 sollen es 20 Unternehmen gewesen sein. Gestartet war die Allianz 2014 mit rund 130 Mitgliedern.

Um die Durchsetzung der Menschenrechte in globalen Lieferketten voranzubringen, hatte die Bundesregierung den „Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte“ beschlossen, worunter auch das Bündnis fällt. Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern müssen per Fragenkatalog angeben,wie sie ihren Sorgfaltspflichten in der gesamten Lieferkette nachkommen. Derzeit läuft die Überprüfung. Die Ergebnisse liegen 2020 vor. Dann will die Regierung entscheiden,ob die freiwilligen Ansätze ausreichen, oder eine gesetzliche Regelung erforderlich ist.

Doch Müller hat bereits vorgebeugt und einen Gesetzentwurf erarbeiten lassen. Er liegt unserer Redaktion vor. Darin droht der Minister deutschen Firmen mit Bußgeldern von bis zu fünf Millionen Euro, wenn sie ihre Lieferanten aus Entwicklungsländern nicht zu fairen Arbeitsbedingungen und dem Einhalten von Umweltstandards zwingen. Sogar Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren sind möglich, wenn man „schwere Gesundheitsschädigungen“ in Kauf nimmt oder „einen anderen Menschen in die Gefahr des Todes bringt“, wie es in dem 17-seitigen Entwurf mit dem Stempel „Nur für den Dienstgebrauch“ heißt. Auch den Ausschluss von öffentlichen Aufträgen in Deutschland will der Minister durchsetzen. Anlässlich des 1. Mai hatte Müller noch einmal betont, dass ausbeuterische Arbeitsbedingungen in Deutschland zu Recht nicht akzeptiert würden. „In Entwicklungsländern nehmen wir sie aber hin, als ob die Menschen weniger Wert wären. Das ist inakzeptabel.“ Dem  Vernehmen nach sind die Gesetzespläne innerhalb der Bundesregierung jedoch umstritten.

Entwicklungs­minister Gerd Müller (CSU) Foto: Wolfgang Kumm/dpa Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Für die Verbraucherexpertin der Grünen, Renate Künast, ist klar: „Die verzweifelten Versuche von Minister Müller, das Bündnis durch Androhung eines nationalen Gesetzes doch noch zu einer Erfolgsstory zu machen, zeigen, dass Freiwilligkeit nicht ausreicht, um globale Lieferketten fair und sicher zu machen.“ Zumal die Verbraucher „ihre Kleider nicht mit Kinderausbeutung und dem Einsatz giftiger Chemikalien bezahlen wollen“. Künast will daher noch einen Schritt weiter gehen. „Auf einem EU-Binnenmarkt mit einer globalisierten Textilproduktion brauchen wir ein EU-weites Gesetz.“