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Interview mit Berthold Huber: Deutsche Bahn plant zahlreiche Neuheiten

Interview mit Berthold Huber : Deutsche Bahn plant zahlreiche Neuheiten

Berthold Huber, Vorstand Personenverkehr, setzt im Exklusiv-Interview mit der Saarbrücker Zeitung auf komfortablere Züge, mehr Fahrten im Fernverkehr und zahlreiche neue Online-Buchungsmöglichkeiten.

Welche Erwartungen haben heute junge Menschen an die Bahn, welche Erwartungen Ältere?

HUBER Das Grundbedürfnis ist bei allen gleich: Ob alt oder jung, unsere Fahrgäste wollen komfortabel, verlässlich und zu einem angemessenen Preis an ihr Ziel kommen. Es gibt aber auch altersbedingte Unterschiede: Bei den jungen Reisenden steht neben der möglichst günstigen Fahrkarte zunehmend der ökologische Aspekt bei der Wahl des Verkehrsmittels im Vordergrund. Vielen unserer älteren Kunden ist es besonders wichtig, ihre Reise einfach buchen zu können, wenig umsteigen zu müssen und im Zug einen komfortablen Sitzplatz vorzufinden.

Plant die Deutsche Bahn Mobilitätsketten? Heißt: ein Preis, alle Leistungen. Das reicht vom Abholen zu Hause über die Weiterfahrt mit dem Zug und dem Umsteigen auf ein Auto am Zielort bis hin zur Hotelbuchung.

HUBER Neue Arten der Fortbewegung wie Miet-Elektroroller, On-Demand-Shuttles oder autonome Busse revolutionieren die Art, wie Menschen unterwegs sind. Kunden wollen heutzutage von A nach B reisen, nicht nur von Bahnhof zu Bahnhof. Auch wir haben die Zukunft der Mobilität fest im Blick und wollen sie gestalten. Mit dem Ausbau unserer Aktivitäten im Bereich New Mobility bieten wir ein entsprechendes Angebot, das die Schiene quasi bis zur Haustür verlängert und den öffentlichen Nahverkehr sinnvoll ergänzt. Unsere Angebote - von ioki über CleverShuttle bis zu Call a Bike und Flinkster - sind schon heute teilweise über den DB Navigator buchbar oder in die Angebote der regionalen Verkehrsverbünde integriert. Darüber hinaus wird das neue App-Baukastenmodul unseres Tochterunternehmens Mobimeo künftig die bekannten und beliebten Apps der Verkehrsverbünde in die Lage versetzen, für eine Route mehrere Services anzubieten – vom Nahverkehr über Mieträder bis zu Carsharing. Dabei können auch individuelle Vorlieben der Nutzer berücksichtigt werden.

Gibt es neue Apps? In der Schweiz etwa kann man ohne Wartezeiten die Reise spontan von Unterwegs buchen und sofort starten. Die App sbb.mobile.ch als Beispiel ermöglicht die Buchung, zeigt die komplette Strecke inklusive der nächsten Verbindungen, alle Haltepunkte, die Wagenreihenfolge, eventuelle Verspätungen und auch Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke. So kann man auch die Verweildauer auf der App erhöhen.

HUBER Im Vergleich der Schienensysteme sind uns die Schweizer sicherlich bei einigen Dingen voraus. Mit der DB Navigator-App waren wir allerdings europaweit Vorreiter: Mit knapp neun Millionen Nutzern pro Monat ist er inzwischen nach Google Maps die Nummer zwei unter den Reiseapps in Deutschland. Allein im letzten Jahr wurden über 28 Millionen Handy-Tickets über die App gebucht, ein Plus von 75 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und natürlich bietet er alle genannten Features, aber darüber hinaus noch einiges mehr. Derzeit wird eine komplett neue Version entwickelt, die beispielsweise auch Leihfahrräder, Car- oder E-Roller-Sharing integrieren soll. So werden wir die komplette Reisekette noch besser als heute abbilden.

Sind neue Tarifangebote angedacht wie etwa eine „Deutschlandcard“, mit der man zu einem Pauschalpreis an einem Tag beliebig oft durch die Republik fahren kann?

HUBER Im Prinzip haben wir bereits eine „Deutschlandcard“ – die BahnCard 100. Mit ihr kann man beliebig oft in den Zügen der DB durch Deutschland reisen. Und wer diese Flexibilität nur für einen kurzen Zeitraum nutzen will, kann die Probe BahnCard 100 erwerben. Diese gilt für drei Monate und endet dann automatisch, ohne gekündigt werden zu müssen. Daneben können sie auch mit dem Quer-durchs-Land-Ticket einen ganzen Tag lang für 44 Euro im Regionalverkehr durch ganz Deutschland fahren.

Welche neuen attraktiven Tarifangebote kann es künftig geben für Menschen, die kurzfristig verreisen? Bisher profitieren eher diejenigen, die sich langfristig festlegen, etwa durch Sparpreise. In der heutigen, schnelllebigen Zeit müssen aber immer mehr Menschen kurzfristig reisen.

HUBER Unsere Sparpreise und Super Sparpreise sind bis kurz vor der Abfahrt buchbar. Kurzentschlossene können also auch im letzten Moment noch Schnäppchen finden. Natürlich handelt es sich dabei um kontingentierte Angebote, die gerade zu Spitzenreisezeiten schnell vergriffen sind. Wer aber wirklich flexibel ist und auch zu den nachfrageschwachen Zeiten am frühen Morgen oder am späten Abend reisen kann, wird auch kurzfristig noch attraktive Angebote finden. Für Kunden, die sich nicht an einen bestimmten Zug binden wollen, gibt es den Flexpreis. Dieser ist vor allem in Kombination mit der BahnCard 50 auch in preislicher Sicht eine gute Alternative zu den kontingentierten Sparpreisen.

Sind künftig die Verkehrsverbünde einer Zielregion mit in der Buchung enthalten?

HUBER Schon heute ist ja beim Flex- und Sparpreisticket die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Bahnhof und dann weiter zum Ziel in über 120 Städten inklusive. Darüber hinaus kann man über den DB Navigator die Tickets von 29 Verkehrsverbünden buchen. Damit erreichen wir bereits jetzt 86 Prozent der Menschen, die in Verbünden wohnen. Dieses Angebot bauen wir noch weiter aus, so soll beispielsweise auch der Saarländische Verkehrsverbund bald integriert sein.

Welches ist künftig das Hauptargument für die Qualität der Bahn gegenüber Konkurrenten wie dem Auto oder auch Flixbus?

HUBER Wir punkten vor allem auf drei Gebieten: Schnelligkeit, Komfort und Umweltschutz. Auf den meisten Relationen ist man mit der Bahn deutlich schneller am Ziel als mit dem Auto oder dem Bus. Von Berlin nach München benötigt man beispielsweise weniger als vier Stunden, mit dem Auto oder Bus sind es eher sechs Stunden. Außerdem ist der Reisekomfort im Zug nahezu unschlagbar: Sie genießen eine großzügige Beinfreiheit und können sich jederzeit im Zug auch bewegen, beispielsweise zum Essen und Trinken in unseren Bordbistros und -restaurants. Sie können außerdem das kostenlose WLAN zum Arbeiten oder die Entertainment-Angebote im ICE-Portal zur Entspannung nutzen. Wo gibt es das sonst? Und auch der dritte Aspekt, der Umweltschutz, wird vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Debatte immer wichtiger: Die Fernverkehrszüge der DB fahren zu 100 Prozent mit Ökostrom – so umweltfreundlich ist kein anderes Verkehrsmittel.

Der Deutschland-Takt, den auch die Politik fordert: welche Verbesserungen kann er bringen? Kann wirklich ganz Deutschland darauf abgestimmt werden inklusive den Anschlüssen an Umsteigebahnhöfen?

HUBER Der Deutschland-Takt ist ja kein alleiniges DB-Projekt, sondern ein langfristiger Zielfahrplan des Bundesverkehrsministeriums für den gesamten deutschen Schienenpersonenverkehr. Deswegen sitzen übrigens ja auch die Privatbahnen mit am Tisch. Alle sollen ihre Beiträge zum Deutschland-Takt einbringen und der Bund entscheidet in den kommenden Jahren, was und wann an neuer Infrastruktur dafür gebaut wird. Deshalb kann ich hier keine konkreten Zahlen und Streckenplanungen nennen.

Klar ist aber: Die DB setzt im Fernverkehr ihre Angebotsoffensive im Sinne des Deutschland-Takts fort. Wir haben bereits 2015 angekündigt, bis 2030 die großen Metropolen mit ICE-Zügen zweimal in der Stunde miteinander zu verbinden. Und im sogenannten Flächennetz werden wir nahezu alle deutschen Städte ab 100.000 Einwohnern zumindest zweistündlich mit Intercity-Zügen ans Fernverkehrsnetz anschließen. Die ersten Schritte dafür sind auch schon gemacht: Bis 2024 bauen wir unsere ICE- und IC-Flotte mit 200 neuen Zügen aus. Schon heute haben wir beispielsweise durch die neue Schnellfahrstrecke zwischen Berlin und München bis zu 20 tägliche Direktverbindungen pro Richtung. Und zwischen Frankfurt und Berlin fahren wir seit über drei Jahren ebenfalls zweimal pro Stunde und Richtung. 2021 folgt der nächste Meilenstein: Dann werden wir die Metropolen Berlin und Hamburg im Halbstundentakt miteinander verbinden.

Welche Service-Leistungen bietet der Zug der Zukunft an? In der Schweiz gibt es schon in einzelnen Abteilen Spielecken für Kinder, die stark genutzt werden von Eltern und Kindern. Hauptvorteil: der Rest er Reisenden wird bei langen Fahrten nicht gestört.

HUBER Mit unseren Familien- und speziell ausgestatteten Kleinkindbereichen in der 2. Klasse sowie einem vielfältigen Unterhaltungsangebot für die Jüngsten haben wir unser Angebot kontinuierlich ausgebaut. Im ICE und auch im Intercity 2 sind 8 bis 24 Plätze fern von den Ruhebereichen speziell für Familien vorgesehen. In den farbenfrohen Abteilen sind Wände und Tische zum Spielen gestaltet und in unmittelbarer Nähe befinden sich Abstellplätze für Kinderwagen. Immer samstags und sonntags sind zudem auf vielen innerdeutschen Fernverkehrszügen geschulte Betreuer mit einem Spiel-, Bastel- und Schminkangebot im Einsatz.

Die Deutsche Bahn hat in Nürnberg schon vor einiger Zeit mögliche Modellzüge mit Fitnesstudio, Trainern, Ess-Ecken und größeren Abteilen, in den man zum Beispiel gemeinsam Fußball ansehen kann, vorgestellt. Was davon ist realistisch? Wird es auch Züge mit „mobilen Büros“ geben, in denen man auf langen Strecken bequem arbeiten kann?

HUBER Mit ihrem leistungsstarken WLAN-Netz und ausreichend Steckdosen wird die gesamte ICE-Flotte heute schon häufig als „mobiles Büro“ genutzt. Für Besprechungen nutzen Geschäftsreisende beispielsweise auch gezielt die Reservierung von 4er-Sitzgruppen am Tisch über die grafische Sitzplatzreservierung oder das Bordrestaurant.

Was in Zukunft alles denkbar ist, haben wir mit dem „Ideenzug“ als Prototyp gezeigt. Die innovativen Raumkonzepte und digitalen Serviceangebote sind bei Tests mit Kunden so gut angekommen, dass wir die ersten Module bald schon im Regelbetrieb sehen werden. Bei der jetzt anstehenden Modernisierung eines Doppelstockwagens bei der Südostbayernbahn sollen bis 2020 neun Elemente des „Ideenzugs“ realisiert werden. Unter anderem informieren im neu gestalteten Einstieg Displays zur aktuellen Strecke und den Anschlüssen. Ein neues Lichtkonzept und eine „Schmutzschleuse“ schaffen mehr Aufenthaltsqualität an Bord. Im Mehrzweckbereich machen neue Sitze, Eckbänke und Abteile das gemeinsame Reisen angenehmer. Das Highlight für Gruppenreisen dürfte der Public Viewing-Bereich sein, der Sport- oder Nachrichtenübertragungen auf einem großem Bildschirm ermöglicht. Damit Pendler ungestört arbeiten können, ist in der ersten Klasse neben neuen Komfortsitzen Platz für abgetrennte Kabinen vorgesehen, die als Büro genutzt werden können. Wir wollen damit den Bestellern von Regionalverkehren in den Bundesländern Anregungen vermitteln, ihre Fahrzeugausschreibungen innovativ, zukunftsfähig und kundenorientiert zu gestalten.

Was, glauben Sie, ist für den Reisenden künftig auf seiner Reise am Wichtigsten?

HUBER Unsere Fahrgäste wollen sich vor, während und nach einer Reise möglichst ungestört den Dingen widmen, die sie getan hätten, wenn sie nicht verreist wären. Das heißt, Buchung, Information, Reisebegleitung, vor allem im Störungsfall, Service und Reisezeit sollten von uns so einfach, komfortabel und verlässlich organisiert sein, dass der Kunde dieses Gesamtpaket ganz intuitiv und mit dem guten Gefühl, umweltschonend unterwegs zu sein, auswählt.