Deutsche Bahn beseitigt den Sanierungsstau bei Brücken

Milliarden-Programm : Deutsche Bahn beseitigt den Sanierungsstau bei Brücken

Lange investierte die Bahn nicht genug in ihre Infrastruktur – vor allem Brücken sind marode. Nun geht für Milliarden Euro die Sanierung los.

Von außen sieht man der robusten Eisenbahnbrücke an der Klöntrupstraße in Osnabrück ihr Alter bis auf etwas Moos an den Steinpfeilern kaum an. Kräne, riesige frisch gegossene Betonelemente und Bauabsperrungen aber machen sichtbar, dass die 1909 gebaute Brücke an der Hauptstrecke nach Münster erneuert werden muss. So wie Hunderte bundesweit, die die Bahn derzeit mit Milliardenaufwand angeht. Immer mehr in die Jahre gekommene Brücken aus der Blütezeit der Bahn waren über die Jahre so marode geworden, dass eine Reparatur nicht mehr möglich oder wirtschaftlich war.

Etwa 25 000 Eisenbahnbrücken unterschiedlichster Ausführung und verschiedensten Alters betreibt die Deutsche Bahn. Über 9000 davon sind mehr als 100 Jahre alt. Alle drei Jahre werden die Bauwerke auf Herz und Nieren geprüft. Brücken, die in der vierten und schlechtesten Kategorie landen, sind so marode, dass sie erneuert werden müssen. Ein Sicherheitsrisiko sind sie in dem Moment aber noch nicht. Für die größte Sanierungsoffensive ihrer Geschichte stehen der Bahn von 2015 bis Ende diesen Jahres 28 Milliarden Euro für Gleise und unter anderem auch Brücken zur Verfügung, wie ein Sprecher erklärt. 875 Brücken bundesweit sollen in dem Zeitraum saniert werden, 770 waren Ende vergangenen Jahres bereits erneuert.

Brücken-Sanierung ist ein sehr individuelles Geschäft. In einen Standard-Baukasten kann die Bahn dabei nicht greifen. „Jede Brücke ist für sich einzigartig“, erklärt Bauprojektleiter Daniel Groß in Osnabrück. Jede Brücke sei ein Unikat, auch wenn es Standardbauteile gebe. „Wir versuchen immer die Variante zu finden, die am instandhaltungsfreundlichsten ist, damit wir für 100 Jahre etwas von der Brücke haben.“

Neben Aspekten wie dem Umweltschutz oder dem Einpassen der Arbeiten in den laufenden Bahn- und Straßenverkehr gibt es immer wieder auch Unvorhersehbares. In Osnabrück waren es ein Bombenblindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg und Reste einer längst vergessenen Pumpstation für Dampflokomotiven, in deren zurückgebliebenen Leitungen sich Quecksilber fand. Bis zur Entsorgung gab es einen Baustopp.

Ein Kraftakt für die Bahn weit vor dem Anrollen der Bagger ist aber der Mangel an Ingenieuren. In den vergangenen Jahren mit geringeren Investitionen in die Infrastruktur gab es auch weniger zu planen. Und entsprechend wenig Personal. 75 offene Stellen gebe es nun alleine in Norddeutschland, 142 Ingenieure hätten zwischenzeitlich eingestellt werden können, sagte Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis. Einfach sei das nicht angesichts des Fachkräftemangels. „Jede andere Firma sucht auch massiv.“ Verstärkt laufe die Personalgewinnung der Bahn inzwischen online, auch zentrale Casting-Termine für Interessenten kämen gut an.

Über ein interessantes Praktikum während des Studiums kam etwa Johanna Harten (27) als Brückenbauingenieurin zur Bahn, wo sie nun von Hannover aus Bauprojekte mit Millionenvolumen betreut. Bei einem „Woman Talent Day“ der Bahn in Hamburg sei ihre Entscheidung gefallen, erzählt sie. „Ich war in der Schule eher an Mathe und konstruktivem Denken interessiert“, sagt sie. Dass sie die Eisenbahnbrücken mit ihren spezifischen Anforderungen interessanter findet als Straßenbrücken, ist möglicherweise auch familiär bedingt – sie arbeitet bereits in vierter Generation bei der Bahn.

Etwa zwölf Millionen Euro fließen in den Neubau der Brücke in Osnabrück. Die Projekte werden ausgeschrieben, und nicht immer finden sich Bewerber, berichtet Projektleiter Groß. Für die anspruchsvollen Bahnarbeiten müssen die Unternehmen speziell zertifiziert sein und der Boom am Bau lässt die Preise in die Höhe schnellen. Bei der Sanierung der Brücke in Osnabrück hat ein Unternehmen aus dem westfälischen Hamm den Auftrag erhalten.

„Es ist richtig, dass die Brücken jetzt gemacht werden“, sagt der Sprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Karl-Peter Naumann. „Das hätte man schon früher machen können, aber die Politik hat das Geld nicht gegeben.“ Wie beim Straßenbau habe der Bund einfach zu wenig in den Erhalt der Infrastruktur investiert. Das räche sich jetzt nicht nur, weil sich für Bahnreisende wegen der Bauarbeiten Umleitungen häuften, sondern weil der Boom im Bausektor die Preise um bis zu 50 Prozent in die Höhe treibe. „Sie kriegen für dasselbe Geld weniger.“ An der Klöntrupstraße in Osnabrück muss die Bahnstrecke im Oktober zeitweise gesperrt werden, Ende des Monats soll die neue Brücke dann fertig sein.

(dpa)
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