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Corona-Pandemie: Insolvenzwelle im Einzelhandel befürchtet

Stresstest für die Logistikbranche : Wie das Coronavirus den Handel verändert

Für viele kleine Geschäfte in den Innenstädten könnte die Coronavirus-Krise das Aus bedeuten. Den Handel im Netz könnte sie dagegen beflügeln.

Im deutschen Einzelhandel droht nach Ansicht des Handelsverbandes Deutschland (HDE) wegen der im Zuge der Coronavirus-Krise angeordneten Ladenschließungen eine Insolvenz­welle. „Durch massive Umsatzausfälle werden tausende selbstständige Unternehmen und Millionen von Arbeitsplätzen vernichtet“, warnte HDE-Präsident Josef Sanktjohanser in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Er fordert deshalb Soforthilfen für die Branche.

Zu den Gewinnern der Krise wird der Online-Handel gehören. Davon gehen der Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH), Kai Hudetz, und der E-Commerce-Experte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein aus. Die Krise gebe dem Online-Handel noch einmal einen kräftigen Schub, sagt Hudetz. Zwar bekomme auch der Internethandel derzeit die generelle Verunsicherung der Verbraucher zu spüren. Aber wenn noch etwas gekauft werde, dann besonders gerne im Internet. „Es ist damit zu rechnen, dass der Online-Handel auch langfristig von dieser Krise profitieren wird. Auch wenn das Thema Coronavirus vorbei ist, wird weiterhin mehr online eingekauft werden als vor der Krise“, prognostiziert Hudetz. Verlierer würden die kleinen stationären Läden ohne Internetangebot sein. „Wer jetzt kein Online-Angebot hat steht ohne funktionierenden Vertriebsweg da und kann die Versäumnisse der Vergangenheit auch kaum nachholen“, so Hudetz.

„Die Coronavirus-Krise wird nicht das Ende des stationären Einzelhandels sein. Aber sie wird wie ein Katalysator wirken und das Ende vieler kleiner lokaler Händler ohne Internet-Standbein beschleunigen“, ist auch der E-Commerce-Experte Heinemann überzeugt.

Der Marktführer Deutsche Post DHL spürt momentan noch keinen Anstieg des Paketvolumens. „Aber das kann sich natürlich in den nächsten Tagen ändern“, sagt ein Unternehmenssprecher. Auf jeden Fall sei die Post gewohnt, mit starken Schwankungen im Paketaufkommen umzugehen. „Wir können das schultern.“ Das gelte auch in Zeiten der Coronavirus-Epidemie. Selbst wenn wegen der neuartigen Krankheit einzelne Brief- und Paketzentren zeitweise geschlossen werden müssten, sei die Post in der Lage, einen solchen Ausfall durch die Umleitung auf andere Standorte auszugleichen.

Auch beim Wettbewerber Hermes gibt es bislang nach Unternehmens­angaben keine Einschränkungen oder Verzögerungen bei der Zustellung in Deutschland. Die angeordneten Geschäftsschließungen dünnen zwar das Netz der Hermes-Paketstationen aus. „Wir gehen derzeit davon aus, dass 70 bis 80 Prozent unserer bundesweit über 16 000 Paketshops weiterhin geöffnet bleiben, weil sie in Einrichtungen für die Grundversorgung integriert sind“, betont ein Unternehmenssprecher.

Die Lieferketten in Europa werden aktuell einem enormen Stresstest unterzogen. Denn die wegen des Coronavirus eingeführten Grenzkontrollen führen teilweise zu langen Staus und großen Verzögerungen beim innereuropäischen Gütertransport. Vor allem an der Grenze zu Polen und auch in Richtung Tschechien gebe es lange Wartezeiten, erklärt der deutsche Logistikverband. Angespannt sei die Lage zudem an Grenzübergängen zwischen Elsass und Deutschland. Zwischen Belgien, den Niederlanden und Deutschland hingegen laufe es erstaunlich reibungslos.

Noch keinen messbaren Einfluss hat die Pandemie laut dem Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) auf den Gütertransport per Binnenschiff. Einschränkungen im grenzüberschreitenden Verkehr seien hier zurzeit noch kein Thema. Zunehmende Probleme bereiten der Branche jedoch die strengen Einreise- und Quarantänebestimmungen der europäischen Nachbarländer, wie etwa in Tschechien, Ungarn, Polen oder der Slowakei. Auf zahlreichen Binnenschiffen sei internationales nautisches Personal unterwegs, betont der BDB. Schiffsbesatzungen, die während ihrer Freischicht in ihr Heimatland reisten, liefen Gefahr, keine Ausreisegenehmigung mehr zu erhalten oder bei der Einreise in eine 14-tägige Quarantäne zu geraten. „Wir werden in den kommenden Tagen massive Probleme bekommen, die Schiffe in Fahrt zu halten, weil uns schlicht das Personal für den Schiffsbetrieb fehlt“, warnt BDB-Präsident Martin Staats.