Brexit könnte Milchpreise senken

Berlin : Brexit könnte Milch billiger machen

Die deutschen Milchbauern machen sich viele Sorgen wegen des geplanten Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Eine Kuh lässt das Milchgeben nicht bleiben, nur weil der Mensch keinen Käse mehr kauft. Und gibt es zu viele Milchprodukte am Markt, sinken die Preise. Das könnte passieren, wenn Großbritannien die EU verlässt. Das Vereinigte Königreich sei eines der wichtigsten Exportländer für deutsche Agrarprodukte, vor allem für Käse und Butter, sagt Karsten Schmal, Milchpräsident im Deutschen Bauernverband (DBV). Was der Brexit aber wirklich für die Milchbranche bedeute, sei „die große Unbekannte“, sagt Schmal. Niemand wisse, wie es kommt. Niemand könne planen.

Bislang fahren die Kühl-Lkw einfach über die Grenze und liefern die Produkte in die britischen Supermärkte. Wäre Großbritannien irgendwann nicht mehr in der EU, müsste jeder Lastwagen am Zoll abgefertigt werden und möglicherweise Zollgebühren zahlen. Das wäre für alle exportierenden Branchen lästig, aber für die Milchbranche ganz besonders: „Das sind alles leicht verderbliche Waren, die müssen mit einem Kühl-Lkw gefahren werden. Was passiert, wenn der angehalten wird über mehrere Stunden, und der Motor muss abgestellt werden? Wie erfolgt dann eine Kühlung?“ Wird der Transport so verkompliziert – und vor allem verlängert –, müsse man sich möglicherweise andere Märkte suchen, sagt Schmal. Warum produzieren die Deutschen dann nicht einfach weniger, wenn der Brexit den Markt verkleinert? „Wir können ja die Kuh nicht einfach abstellen“, sagt Schmal.

Zott mit Sitz im bayerischen Mertingen liefert nach eigenen Angaben vor allem Mozzarella-Käse auf die Insel. „Üblicherweise dauert der Transport von Mertingen zum Ziellager zwei Tage“, sagt ein Sprecher. „Im Falle eines ungeordneten Brexits rechnen wir mit Verzögerungen von ungefähr einer Woche.“ Das Geschäft mit Großbritannien mache allerdings nur einen geringen Anteil am Gesamtumsatz aus.

Auch Ehrmann, ebenfalls mit Sitz in Bayern, braucht in der Regel zwei Tage, um vor allem Fruchtquarks und Desserts nach Großbritannien zu liefern. Man habe schon Zwischenlager im Vereinigten Königreich. „Falls es zu Verzögerungen an der Grenze kommt, muss der Warenbestand im Zwischenlager entsprechend erhöht werden“, sagt ein Sprecher.

Was passiert im schlimmsten Fall? Milchpräsident Schmal verweist auf die Krim-Krise: 2014 verhängte Russland ein Einfuhr-Embargo gegen Lebensmittel aus westlichen Ländern. Das war eine Reaktion auf EU-Sanktionen, nachdem die Russen sich die Krim einverleibt hatten. „Viele Molkereien, die damals für den russischen Markt produziert hatten, mussten sich von heute auf morgen andere Abnehmer suchen“, erklärt Schmal. Deutsche Bauern habe das damals zwei bis vier Cent pro Kilogramm Milch gekostet. Denn: Sie mussten ihre Milch in anderen Ländern verkaufen, in denen die Märkte teils schon gesättigt waren. Will man dort trotzdem Käufer finden, muss der Preis runter.

Auch ein Brexit kann nach Schmals Einschätzung in deutschen Supermärkten dazu führen, dass Butter, Milch, Käse oder Joghurt billiger werden. Peter Stahl, Vorsitzender des Milchindustrie-Verbandes, glaubt sogar, dass der Brexit-Effekt etwa dreimal so groß wäre wie der Russland-Effekt. Gänzlich würden die Briten den Import von deutschen Milchprodukten aber nicht einstellen. „Es wird kein Totalausfall sein“, sagte Stahl am Freitag beim Berliner Milchforum des Bauernverbands.

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