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Autohandel muss sich neu aufstellen

Automarkt : Autohandel muss sich neu aufstellen

Digitalisierung, E-Mobilität und autonomes Fahren setzen Unternehmen unter Druck.

De r Autohandel steht vor einem massiven Wandel. Digitalisierung, Elektrifizierung, Car-Sharing und autonomes Fahren - all diese Entwicklungen gehen mit Umbrüchen im Automarkt einher, sagte gestern der Auto-Experte Willi Diez beim 1. Saarländischen Automobiltag in der IHK. Diez ist Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (Ifa) an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen und gilt als einer der profiliertesten Kenner der deutschen Autobranche. Wer künftig noch als Händler überleben wolle, müsse kräftig investieren, sagt er. In die Qualität der Beratung, in Kundenbindung und in zusätzliche Dienstleistungsangebote .

Keine leichte Aufgabe, denn schon jetzt ist die Situation der meisten Händler nicht besonders rosig, Gerade mal 28 Prozent der Autohändler in Deutschland erreichen Diez zufolge eine Umsatzrendite von über einem Prozent, nur sechs Prozent der Händler kommen über zwei Prozent Rendite. "Um zu überleben, muss ein Händler aber eigentlich über drei Prozent Rendite haben", sagt Diez. Die Folge: Immer mehr Händler werden aufgeben - 2016 haben 266 Händler und 226 Werkstätten Insolvenz angemeldet, seit 2002 gab es fast 7400 Insolvenzen in der Auto-Branche. 2020, so schätzt er, werden von den aktuell noch 7400 wirtschaftlich selbstständigen Autohäusern noch 4500 am Markt sein.

Auch für die weitere Zukunft malt Diez den Händlern kein farbiges Szenario. Denn sollte sich erst einmal das E-Auto durchsetzen, fällt für die Händler eine wichtige Einnahmequelle weitgehend aus: die Werkstatt. Aktuell ist es vor allem der Service nach dem Verkauf, der die Rendite bringt. Denn mit Werkstattleistungen sind noch immer Margen von über 20 Prozent zu erzielen, mit Ersatzteilen 17 Prozent. "Beim Elektroauto fällt das weitgehend weg", sagt Diez. Ein E-Auto bringe knapp 70 Prozent weniger Werktstatt-Umsatz, der Teile-Umsatz reduziere sich um über 40 Prozent. Wegen ihrer geringeren Komplexität hätten E-Autos einfach weniger Reparaturbedarf.

"Die Autohändler werden sich jetzt schnell umstellen müssen", sagt Diez. Neben Modellen der Kundenbindung seien auch neue Werkstattmodelle nötig. "Sinnvoll sind beispielsweise Car-Refreshment- oder Smart-Repair-Konzepte." Dabei ginge es darum, den Wert des Fahrzeugs zu erhalten oder Reparaturen weniger aufwendig zu gestalten.

Weniger kritisch sieht er das Thema autonomes Fahren, bei dem langfristig Nutzer gar kein eigenes Auto mehr brauchen, sondern auf Fahrdienste wie Uber zurückgreifen können. "Da ist letztlich die Frage, wie viele Nutzer wirklich auf ihr eigenes Auto verzichten werden", sagt Diez. Das werde dann vor allem die Volumenhersteller treffen. "In Deutschland haben wir viele Premium-Hersteller, bei denen es auch darauf ankommt, die Autos zu besitzen", sagt Diez.

Ein ganz anderes Feld macht Gerrit Heinemann auf, Leiter des eWeb Research Centers der Hochschule Niederrhein. Heinemann, der vor allem über den Online-Vertrieb im Einzelhandel forscht, sieht Deutschland in diesem Markt massiv im Hintertreffen. "Wenn Sie Interviews mit Amazon-Chef Jeff Bezos sehen, lacht er die meiste Zeit", sagt Heinemann. "Der lacht sich kaputt, weil wir ihm nichts entgegensetzen." Wenn Amazon jetzt erstmals auch Autos anbiete, müsste das für sämtliche Händler ein Warnsignal sein. "Noch werden vielleicht sechs Prozent der Autos online verkauft, bei mehr als zehn Prozent ist es ein Trend."

Auto-Professor Willi Diez Foto: dpa. Foto: dpa

Autohändler müssten verstehen, dass Nutzer heute 80 Prozent ihrer Kaufentscheidungen online treffen. Um sie für den Abschluss noch in den Laden zu bekommen, seien neben Online-Informationen über Preis und Verfügbarkeit besondere Service-Leistungen vor Ort unabdingbar.