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Ausbildung bis zum Umfallen

Ausbildung bis zum Umfallen

Der Deutsche Gewerkschaftsbund beklagt die Zustände, unter denen viele Azubis arbeiten müssen. Oft gebe es nicht mal einen Ausbildungsplan. Wirtschaftsverbände halten dagegen: Die allermeisten Lehrlinge seien zufrieden.

Konstantin kann nicht mehr. Der angehende Koch musste über Monate mal 45, mal bis zu 70 Stunden die Woche arbeiten. "Es gab auch Tage, da durfte ich nicht mal was essen, weil wir keine Zeit hatten", stöhnt er. Dann beschwerte er sich - und "wurde nur angeschrien". Was Konstantin an ein Beratungsforum des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) schreibt, mag in seinen Ausmaßen ein Einzelfall sein. Doch werden laut DGB Zehntausende Azubis als billige, oft wehrlose Arbeitskräfte ausgenutzt.

Die aktuellen Zahlen der jährlichen DGB-Umfrage sind deutlich: Hohen Leistungs- und Zeitdruck beklagen 13 Prozent, sehr hohen zudem sogar sieben Prozent. 34 Prozent haben keinen Ausbildungsplan. Regelmäßig Überstunden müssen 35 Prozent der Azubis leisten - bei den Hotelfachleuten 54, den Köchen sogar 55 Prozent. Und zehn Prozent der Azubis bekommen nur 250 bis 500 Euro brutto, 51 Prozent 500 bis 750. Zahlen speziell fürs Saarland gebe es zwar nicht, aber Mike Kirsch, beim DGB Saar für berufliche Bildung zuständig, ist davon überzeugt, dass die "Tendenz im Saarland sehr ähnlich ist wie im Bund".

Der DGB spart nicht mit drastischen Schlussfolgerungen. Das duale Ausbildungssystem werde "vor die Wand" gefahren, wettert Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller. Die Qualität zu verbessern, sei "dringend notwendig", fordert DGB-Vize Elke Hannack.

Der Arbeitgeberverband BDA wirft dem DGB "ein interessengeleitet verzerrtes Bild" vor. Tatsächlich zeigte eine Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin vor wenigen Jahren, dass 93 Prozent der unter 24-jährigen Erwerbstätigen - also nicht nur Azubis - mit ihrer Arbeitssituation zufrieden sind, mit der Arbeitszeit 82 Prozent, mit der Tätigkeit 92 Prozent. Auch der DGB verschweigt nicht, dass - laut seinen aktuellen Umfragewerten unter den Azubis - immerhin 72 Prozent insgesamt zufrieden sind. Doch ist die Lage laut Umfrage in bestimmten Berufsgruppen deutlich schlechter: in der Gastronomie, in Hotels, bei manchen Handwerksberufen wie Malern und im Handel.

Bei den Saar-Wirtschaftskammern ist man sich einig, "dass die überwiegende Zahl der Auszubildenden eine ordentliche Ausbildung bekommt", wie Peter Nagel von der IHK Saarland sagt. Der Geschäftsführer für Aus- und Weiterbildung betont, dass die Kammer auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Ausbildungsstandards poche. Angesichts rückläufiger Bewerberzahlen sei es wichtig, "dass diejenigen, die sich für eine Lehre entscheiden, eine gute Ausbildung bekommen". Nagel räumt ein, dass es gerade in der Gastronomie gehäuft Probleme gebe. Deshalb arbeite die Kammer mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) an einem Qualitätssiegel. Dadurch "wollen sich Betriebe mit guter Ausbildung positiv von anderen abheben".

Bernd Wegner , Präsident der Saar-Handwerkskammer, bestreitet gravierende Mängel in der Ausbildung. Die hohe Qualität spiegele sich zum Beispiel in den überdurchschnittlichen Ergebnissen saarländischer Gesellen bei nationalen und internationalen Leistungswettbewerben. Probleme gebe es nur vereinzelt. Und die würde man nicht mit schärferen Gesetzen lösen. "Wir sind bei allen Problemen sehr gut damit fahren, einvernehmliche Lösungen im Konsens aller Beteiligten zu finden."