Aufsichtsratschef Ulrich Lehner tritt zurück

Krise des Industriekonzerns : Machtkampf um Thyssen-Krupp

Es gibt Rücktritte in Serie an der Spitze von Thyssen-Krupp. Während die Beschäftigten um ihre Jobs fürchten, macht sich an der Börse Vorfreude breit.

Thyssen-Krupp in der Zerreißprobe: In der Führungskrise des Essener Konzerns wächst bei den Beschäftigten die Angst, und die Börse reagiert auf die sich zuspitzende Krise mit einem Kurssprung. „Es darf nicht zu einer Zerschlagung kommen“, forderte gestern Gesamtbetriebsratschef Wilhelm Segerath. „Wir wollen gemeinsam mit der Stiftung und allen Aktionären versuchen, das Unternehmen zu erhalten.“ Nach dem Rücktritt des Vorstandschef Heinrich Hiesinger Anfang Juli hat am Montagabend  der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Lehner das Handtuch geworfen.

Die Chefin der mächtigen Krupp-Stiftung, Ursula Gather, will nicht Nachfolgerin von Lehner an der Spitze des Kontrollgremiums werden, teilte die Stiftung mit. Gather versicherte erneut, die Stiftung werde den Auftrag, „die Einheit des Unternehmens möglichst zu wahren, auch weiterhin verantwortlich wahrnehmen“. Die von dem 1967 gestorbenen letzten Firmenerben, Alfried Krupp, gegründete Stiftung ist mit 21 Prozent größter Einzeleigentümer des Unternehmens.

Das Thyssen-Krupp-Management war von Anteilseignern wie dem schwedischen Finanzinvestor Cevian und dem US-Hedgefonds Elliott mit der Forderung nach einem drastischen Umbau des Konzerns, der fast 160 000 Mitarbeiter hat, unter Druck gesetzt worden. Chefaufseher Lehner hatte seinen Rückzug daraufhin mit mangelndem Vertrauen der großen Aktionäre begründet.

Zuletzt war die nach dem Tod des Krupp-Patriarchen Berthold Beitz angetretene Stiftungschefin Gather ins Zentrum der Kritik geraten. Beschäftigte warfen ihr mangelnde Rückendeckung für die Konzernspitze im Konflikt mit den einflussreichen Investoren vor. Sowohl Lehner als auch Hiesinger hatten ebenfalls über zu wenig Rückhalt im Kreis der Anteilseigner geklagt. Lehner hatte dabei sogar ausdrücklich auf eine drohende Zerschlagung des Konzerns hingewiesen.

Beobachter gehen davon aus, dass der neue Aufsichtsratsvorsitzende aus den Reihen des bestehenden Kontrollgremiums kommen dürfte, weil ein neues Mitglied erst in einem zeitaufwendigen Prozess gerichtlich bestellt werden müsste.

An der Börse machte sich derweil Vorfreude vor einer möglichen Zerschlagung von Thyssen-Krupp breit. Die Aktie schnellte zeitweise um mehr als acht Prozent zu. Ein Händler mutmaßte, dass alleine die Aufzugsparte mehr wert sei als der gesamte aktuelle Börsenwert von Thyssen-Krupp. Derzeit beträgt dieser etwas mehr als 13 Milliarden Euro.

Der Rücktritt Lehners sei Wasser auf die Mühlen derer, die unter einer neuen Führung auf mehr Offenheit gegenüber Anteilsverkäufen setzen, schrieb Commerzbank-Analyst Ingo-Martin Schachel. Er verwies darauf, dass Lehner die vielgliedrige Konzernstruktur bis zuletzt verteidigte, während Großaktionäre wie die Finanzinvestoren Cevian oder Elliott auf eine Aufspaltung dringen. Cevian verwaltet für internationale Anleger derzeit ein Vermögen von rund 13 Milliarden Euro. Die schwedische Gesellschaft hält inzwischen gut 18 Prozent der Thyssen-Krupp-Anteile und ist nach der Stiftung zweitgrößter Aktionär.

Da mit Lehner ein langjähriger Unterstützer Hiesingers gehe, dürften die „aktivistischen“ Investoren aus dem derzeitigen Machtvakuum wohl siegreich hervorgehen, glaubt Branchenexperte Analyst Seth Rosenfeld.

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