Anteil erneuerbarer Energien auf Rekordhoch - Windkraft in der Krise

Windenergie schwächelt : Krise trotz Rekordhoch beim Ökostrom

Aus erneuerbaren Quellen wird in Deutschland so viel Strom gewonnen wie nie.Der Ausbau der Windkraft stockt dagegen, Tausende Jobs sind in Gefahr.

(dpa) Erneuerbare Energiequellen aus Wind oder Sonne haben die Kohle bei der Stromerzeugung abgehängt – die Windkraftbranche schlägt aber dennoch Alarm. Sie sieht bei einem anhaltend schleppenden Ausbau der Windkraft an Land Tausende Jobs in Gefahr. 27 Prozent der Stellen in der Windenergiebranche könnten bis 2030 verloren gehen. Das geht aus einer Analyse der Beratungsfirma Prognos hervor. 64 000 Menschen seien derzeit am Ausbau der Windkraft an Land beteiligt.

In den ersten neun Monaten dieses Jahres stieg der Ökostrom-Anteil auf einen Rekordwert. Erneuerbare Energien deckten zusammen 42,9 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Deutschland. Das ist ein Plus von fast fünf Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Zu diesem Ergebnis kommen das Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

In den ersten drei Quartalen seien insgesamt rund 183 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Sonne, Wind und anderen erneuerbaren Quellen erzeugt worden. Damit lagen die Erneuerbaren fast 50 Prozent über der Stromerzeugung aus Braun- und Steinkohle, die insgesamt rund 125 Milliarden Kilowattstunden beitrugen. Im Vorjahreszeitraum lagen der Anteil der Erneuerbaren und jener der Kohle laut BDEW und ZSW noch fast gleichauf. Bei den Erneuerbaren war Wind an Land die größte Quelle, gefolgt von der Photovoltaik. 

Der BDEW-Hauptgeschäftsführer Stefan Kapferer sagte, die Rekordzahlen beim Ökostrom-Anteil stünden im Kontrast zur dramatischen Situation beim Ausbau der Windenergie. „Aufgrund fehlender Flächen und immer restriktiverer Abstandsregelungen rutschen wir in eine regelrechte Rezession.“

Nach einer Analyse der Fachagentur Windenergie an Land gingen von Januar bis Ende September 2019 nur 148 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 507 Megawatt ans Netz. Dieser Wert sei in den vergangenen fünf Jahren jeweils schon im ersten Quartal erreicht worden. Aufgrund der Entwicklung sei davon auszugehen, dass der Gesamtzubau bis Jahresende die Schwelle von 1000 Megawatt nicht erreichen werde, so die Fachagentur. In den Jahren 2014 bis 2017 lag der jährliche Zubau noch bei durchschnittlich 4600 Megawatt.

Matthias Zelinger, Geschäftsführer des Bereichs Power Systems beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer, sagte, die Politik müsse nun endlich handeln. Es gehe vor allem darum, Genehmigungsverfahren zu straffen: „Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Bis Jahresende müsse ein Paket mit Maßnahmen auf den Weg gebracht werden.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte nach einem „Windkraftgipfel“ Anfang September angekündigt, zusammen mit den Ländern in den kommenden Monaten ein Maßnahmenprogramm zu erarbeiten, um den schleppenden Ausbau der Windkraft an Land zu beschleunigen. Dabei soll es etwa darum gehen, mehr Flächen für Windparks verfügbar zu machen und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen.

Die Internationale Energieagentur IEA erwartet, dass die weltweite Windkapazität auf dem Wasser bis 2040 um das 15-fache steigen wird. „Offshore-Wind macht derzeit nur 0,3 Prozent der weltweiten Stromerzeugung aus, hat aber ein enormes Potenzial“, sagte IEA-Direktor Fatih Birol. Dank neuer Turbinen, die weiter draußen auf See eingesetzt werden können, und sinkender Kosten könne die Offshore-Windenergie theoretisch den gesamten Bedarf mehrerer Strommärkte decken, darunter Europa, USA und Japan.