Anders arbeiten

Der Arbeitsalltag ändert sich rapide. Mehr Menschen arbeiten in Teilzeit oder zu ungünstigen Zeiten, etwa am Abend oder in der Nacht. Flexibler soll die Arbeit werden, fordern Gewerkschaften und Arbeitgeber – aber aus unterschiedlichen Gründen.

Die Arbeitswelt in Deutschland ändert sich rasant. 43,5 Millionen Menschen gehen aktuell einer Erwerbstätigkeit nach, so viele wie noch nie zuvor. Globalisierung und Digitalisierung setzen die Firmen unter Druck, ihre Mitarbeiter möglichst flexibel und rund um die Uhr einzusetzen. Auf der anderen Seite formulieren Arbeitnehmer immer selbstbewusster ihre Bedürfnisse nach Planungssicherheit und selbstbestimmter freier Zeit.

"Die Arbeitswelt ist vielfältiger und weiblicher, aber auch instabiler geworden", formuliert das Bundesarbeitsministerium. Was das heißt, hat das Statistische Bundesamt nun zusammengetragen. Fast jeder dritte Erwerbstätige arbeitet demnach inzwischen in Teilzeit, mit 28 Prozent eine der höchsten Quoten in Europa. "Teilzeit ist per se nicht schlecht zu bewerten, wenn jemand 30 Wochenstunden arbeiten möchte und ihm damit gelingt, Privates und Berufliches besser unter einen Hut zu bringen, dann birgt Teilzeit durchaus Vorteile", sagte Susanne Wanger, Expertin vom bundeseigenen Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), unserer Zeitung.

Im Schnitt 40,5 Stunden arbeiten abhängig beschäftigte Vollzeitkräfte in einer normalen Arbeitswoche - eine halbe Stunde länger als vor 20 Jahren. Das ist weniger als gesetzlich zulässig (48 Stunden), aber auch viel mehr als laut DGB tariflich vereinbart (37,7). Die Folge sind laut IAB 764 Millionen bezahlte und 940 Millionen unbezahlte Überstunden im vergangenen Jahr.

Die IG Metall will den Verfall geleisteter Arbeitszeit nicht länger hinnehmen und macht ihn zum Bestandteil ihrer nächsten großen Kampagne, die in die Tarifrunde Anfang 2018 münden soll. "Wenn es um Flexibilität ging, waren wir zu oft defensiv", sagt Gewerkschaftsboss Jörg Hofmann selbstkritisch. Konkret will die IG Metall Wahlmöglichkeiten durchsetzen, die es ermöglichen, Kinder, Pflege, Weiterbildung besser mit der Arbeit zu vereinbaren.

Die Arbeitgeber verfolgen hingegen das Ziel, die zulässige Arbeitszeit im Wochenverlauf flexibler aufteilen zu können. An die Stelle des jetzt gesetzlich fixierten Achtstundentags (bei sechs Werktagen) will der BDA die 48-Stunden-Woche setzen, die auch in der EU-Arbeitszeitrichtlinie als Höchstgrenze enthalten ist. Damit würde die tarifvertraglich oder im Arbeitsvertrag vorgesehene Arbeitszeit der Beschäftigten nicht erhöht, erläutert ein Sprecher. Die Arbeitszeit könne aber individueller aufgeteilt werden. Bei dieser Gelegenheit soll auch die elfstündige Pause zwischen zwei Arbeitseinsätzen fallen.

Der IAB-Experte Enzo Weber sieht gute Chancen für eine Neuregelung der Arbeitszeit , weil es von beiden Seiten Bedarf gebe. So müssten die Firmen Antworten auf globalisierte Geschäftsabläufe finden und die Vorteile digitalisierter Produktionsformen nutzen können. Bei den Arbeitnehmern gebe es hingegen gerade in der Familienphase früher nicht gekannte Bedürfnisse nach flexibleren Arbeitszeiten. "Das Familien-Modell mit einem Alleinverdiener gibt es kaum noch", stellt der IAB-Forscher fest. Darauf müsse die Wirtschaft reagieren.

Zum Beispiel mit attraktiven Berufsstrukturen knapp unterhalb der Vollzeit. Teilzeitbeschäftigte sind bislang oft bezüglich Weiterbildungen und Karrierechancen benachteiligt, auch verdienen Teilzeitkräfte häufig weniger. Insbesondere viele Frauen wollten vollzeitnah arbeiten, meint auch der BDA, mahnt aber strukturelle Veränderungen erst einmal außerhalb der Betriebe an. "Eltern müssen die richtigen Rahmenbedingungen vorfinden, um in vollzeitnaher oder Vollzeittätigkeit arbeiten zu können. Wir benötigen vor allem mehr Ganztagskinderbetreuung und Ganztagsschulen, um eine partnerschaftliche Aufteilung der Familienarbeit zu ermöglichen."

Meinung:

Bitte mehr Flexibilität

Von SZ-Korrespondent Stefan Vetter

Wenn es heute deutlich mehr Teilzeitarbeit als noch zu Zeiten der deutschen Wiedervereinigung gibt, so ist das zunächst einmal ein Grund zur Freude. Denn vor allem in den alten Bundesländern sind dadurch viele Frauen überhaupt erst ins Arbeitsleben gekommen. Inzwischen würden viele Frauen ihre Teilzeit gerne aufstocken. Darauf müssen vor allem die Unternehmen reagieren, indem sie die Arbeit neu organisieren. Warum kann zum Beispiel nicht auch stärker von zu Hause gearbeitet werden?