Ältere Aktive Wenn das Geburtsjahr kein Hindernis ist

Ältere Aktive : Wenn das Geburtsjahr kein Hindernis ist

Viele Ältere wollen nicht in den Zwangsruhestand geschickt werden. Sie finden immer mehr Entfaltungs-Möglichkeiten.

„Sie werden gebraucht.“ Dieser Aufruf eines Flyers gilt allen, die „raus aus dem Pensionsloch“ wollen. Die Senioren jenseits der offiziellen Ruhestandsgrenze von 65 Jahren organisieren sich immer häufiger, um weiterhin eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben. Das neueste Projekt aus dem Saarland ist  das Netzwerk Generation Ü, das mit diesem Flyer wirbt und Menschen ansprechen will, die älter als 60 sind. „Unsere Gruppe existiert noch nicht sehr lange und wir sind erst eine kleine Runde, doch wir merken, dass das Interesse groß ist“, sagt Helmut Backes, einer der Initiatoren des Netzwerks. Der 76-Jährige, der in Sulzbach-Altenwald aufwuchs, kam vor zwei Jahren an die Saar zurück. Er wohnte heute in Mettlach. Zuvor hatte der Ingenieur in Filderstadt gelebt und lange Jahre „beim Daimler“ gearbeitet.

Er weiß, dass er und seine Mitstreiter mit dem Netzwerk Generation Ü eine immer größere Gruppe von Menschen ansprechen. Rund 58 100 Frauen und Männer an der Saar sind nach Angaben des Statistischen Amts zwischen 65 und 70 Jahre alt. Auch jüngere Jahrgänge erreichen schnell diese Alters. Etwa 72 500 Saarländer sind zwischen 60 und 65 Jahre alt. Dahinter warten schon die nächsten Alterskohorten mit den Saarländern, die zwischen 55 und 60 Jahre alt sind – mehr als 83 500 an der Zahl.

Inzwischen hat Backes schon erfahren, dass die Motive des Weitermachens für die so genannten „Senioren“, die sich noch nicht zum alten Eisen zählen, sehr vielfältig sind. „Bei dem einen ist es die Freude an der Arbeit und das gute Gefühl, gebraucht zu werden“, sagt er. „Manche wollen auch ihren Eintritt ins Rentenalter einfach nach hinten verschieben.“ Dem einen reiche ein ehrenamtlicher Job beispielsweise in einem Verein, „bei einem anderen ist die Rente knapp, so dass er hinzu verdienen muss“. Auf der anderen Seite „gibt es Unternehmen, die gelegentlich Expertenwissen von Älteren abfragten wollen“. Backes selbst berät neben seinem Engagement bei der Generation Ü selbst noch Unternehmen.

Unter der Federführung des ehemaligen saarländischen Wirtschafts-Staatssekretär Christian Ege hat das Netzwerk Generation Ü inzwischen ein kleines Dienstleistungs-Paket geschnürt, von dem er glaubt, dass es (Un-)Ruheständler, Firmen und Privatkunden gleichermaßen anspricht. „Work Mobil“ heißt eines davon. Dahinter steht ein Privatchauffeur-Angebot, bei dem jung gebliebene ältere Autofahrer Geschäftsleute mit deren Autos zu Terminen fahren und sie wieder abholen.Dies kann auch eine länger befristete Tätigkeit werden, wenn jemand zum Beispiel wegen Krankheit oder bei Führerschein-Verlust monatelang kein Auto mehr fahren kann. Außerdem bietet die Generation Ü einen Privatbüro-Service an. „Integer, sachkundig und diskret“ soll hierbei die Verwaltung privater Vorgänge ablaufen. „Wir wollen die Leute aus ihrem Pensionsloch holen“, sagt Ege. Er will das Konzept der Generation Ü nicht auf das Saarland begrenzen sondern es bundesweit ausrollen. Er sieht es auch als Geschäftsmodell, „doch reich wird man dabei noch nicht“. Der 46-Jährige gehört zwar noch nicht zur Generation Ü. Doch als er 2009 als Staatssekretär abtreten musste und in den politischen Ruhestand versetzt wurde, „musste ich mich auch aus einem Pensionsloch kämpfen“, erinnert er sich.

Die Generation der noch Älteren hat ein anderer Saarländer, der frühere VW-Personalvorstand Peter Hartz, im Visier. „Auch die Hochaltrigen brauchten eine Perspektive, statt einfach nur das Ende zu erwarten“, findet er. Hochaltrig sind für ihn Menschen von 70 bis 95 Jahre. Das ist eine stattliche Zahl Knapp 160 000 Frauen und Männer im Saarland sind zwischen 70 und 90. Danach dünnt es allerdings aus. Hartz hat für diese Seniorengruppe eine eigene Wortschöpfung parat. Er nennt sie Longinos. Mit seinen 76 Jahren fühlt er sich als „Longino Classic“. Diese Menschen „können problemlos ihr erworbenes Wissen in vielerlei Hinsicht an Gleichaltrige oder Jüngere weitergeben und teilweise damit auch der Einsamkeit entfliehen“, meint er. „Solange ich will, solange es Spaß macht, soll ich arbeiten können. Natürlich freiwillig“, gibt Hartz als Losung aus. Die Zwangsverrentung, die nach wie vor tief im deutschen Sozialrecht verankert ist, ist für ihn und Ege ein Graus. Derzeit wirbt Hartz für ein Forschungsprojekt, um das Potenzial von Longinos wissenschaftlich zu ergründen. Mit der Max-Planck- oder der Fraunhofer-Gesellschaft sowie der Hans-Böckler-Stiftung hat er neben anderen bereits namhafte Mitstreiter gefunden. Das Vorhaben soll bei der Bundesregierung eingereicht werden, um Fördergelder zu erhalten.

Seit Jahrzehnten befasst sich Gundolf Meyer-Hentschel und sein gleichnamiges Saarbrücker Institut mit den Problemen und um das Älterwerden. Er hat die Senioren im Visier, die noch im Arbeitsleben stehen. „Großes Interesse in den Firmen herrscht nach Antworten, wie Ältere und Jüngere in Teams optimal zusammenarbeiten“, erläutert er. Um die Unternehmen für diese Themen zu sensibilisieren, bietet er bundesweit so genannte Diversity Days an, „wo in einem Training das forsche Vorwärtsdrängen der Jüngeren mit dem Wissen und der Erfahrung der Älteren zusammengebracht werden, damit beide Gruppen davon profitieren“. Die Senioren hätten Stärken, die für viele Firmen inzwischen (wieder) unverzichtbar seien – wie zum Beispiel eine hohe Bindung an das Unternehmen, soziale Kompetenzen oder Zuverlässigkeit und Loyalität.

Einen Neustart hat auch der Senior Experten Service (SES) hingelegt. Kürzlich wurde in der Industrie- und Handelskammer (IHK) das 17. Deutschland-Büro des Netzwerks eröffnet. Geleitet wird es von Martin Zewe und Brigitte Dill-Dufner. Das Büro versteht sich als Anlaufstelle für Ruheständler oder Berufstätige in einer Auszeit. Sie werden als Fachleute in Entwicklungs- und Schwellenländer geschickt, wo sie ihr Wissen  weitergeben können.

Helmut Backes vom Netzwerk Generation Ü. Foto: rup

Das Netzwerk Generation Ü ist erreichbar unter Telefon (08 00) 22 44 240; E-Mail: info@generation-ue.de
Das SES-Büro Saar ist erreichbar unter Telefon (06 81) 95 20-8 41/8 40; E-Mail: ses@ses-buero-saarbrücken.de; Postadresse: IHK Saarland, Franz-Josef-Röder-Straße 9, 66119 Saarbrücken