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2021 könnte das Jahr der Insolvenzen werden

Frankfurt : 2021 könnte das Jahr der Insolvenzen werden

Staatshilfen haben die große Pleitewelle bisher verhindert. Doch wahrscheinlich wurden die Probleme damit nur in die Zukunft verschoben.

Die Pleitewelle in Deutschland ist auf 2021 verschoben. Im Corona-Jahr sank die Zahl der Unternehmensinsolvenzen sogar deutlich – dank staatlicher Hilfsmilliarden und Ausnahmen bei der Pflicht zur Insolvenzanmeldung. Doch je länger die Pandemie dauert, desto wahrscheinlicher wird es, dass etlichen Unternehmen die Puste ausgeht. „Die massiven staatlichen Corona-Finanzhilfen sorgen dafür, dass es große Mitnahmeeffekte bei echten Pleitekandidaten gibt, die ohne die Corona-Subventionen nicht überlebt hätten“, bilanziert die Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

Gastwirte, Kulturschaffende, Messeveranstalter, Reiseanbieter, Betreiber von Fitnessstudios, Textilhändler – die Liste derer, die sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft machen, ist lang. Das Statistische Bundesamt, das amtliche Zahlen für das Gesamtjahr voraussichtlich im März veröffentlichen wird, stellte bereits zur Halbjahresbilanz fest, die „wirtschaftliche Not vieler Unternehmen durch die Corona-Krise“ spiegele sich bislang nicht in den Insolvenzzahlen wider.

Creditreform geht für das laufende Jahr deutschlandweit von 16 300 Firmenpleiten aus. Das wären 13,4 Prozent weniger als 2019 und der niedrigste Stand seit 1993. Hauptgrund für den deutlichen Rückgang: Der Gesetzgeber hat die Insolvenzantragspflicht für Firmen seit 1. März 2020 ausgesetzt. Unternehmen, die wegen der Corona-Krise in Bedrängnis geraten, sind seither nicht verpflichtet, einen Insolvenzantrag zu stellen. Die Bundesregierung hat die zunächst bis Ende September geltende Sonderregelung bis Ende 2020 verlängert. Allerdings nur für Unternehmen, die überschuldet sind, nicht bei bereits eingetretener Zahlungsunfähigkeit.

Die Zahl der Insolvenzen ist auch in Rheinland-Pfalz und im Saarland rückläufig. Rheinland-Pfalz kommt laut Creditreform gemessen an den Insolvenzen je 10 000 Unternehmen auf 42 (Vorjahr: 46) Fälle. Im Saarland sank die Insolvenzquote nach zwei Jahren mit stagnierenden Zahlen auf 61 (81) Pleiten je 10 000 Unternehmen.

Im Vergleich der 16 Bundesländer hat das Saarland damit den vierthöchsten Wert, Rheinland-Pfalz liegt auf Rang neun. Die meisten Firmenpleiten je 10 000 Unternehmen verzeichnet Bremen (98 Fälle), auf den zweithöchsten Wert kommt Berlin (78). Die niedrigste Insolvenzquote weist wie schon im Vorjahr Thüringen auf (30).

Was den Experten Sorge macht: Die Zahl der Großinsolvenzen ist deutlich gestiegen: Galeria Karstadt Kaufhof, Klier, Vapiano, Wirecard. Das trieb auch die Schadenssumme um fast 45 Prozent auf geschätzte 34 Milliarden Euro in die Höhe. „Die insgesamt hohen Schadenssummen in diesem Jahr und die zunehmende Zahl an Großinsolvenzen bieten möglicherweise einen Vorgeschmack auf die weitere Insolvenzentwicklung“, schreibt Creditreform.

Schon im zu Ende gehenden Jahr entfiel laut Creditreform mehr als die Hälfte aller registrierten Insolvenzfälle (58,1 Prozent) auf das Dienstleistungsgewerbe. Insbesondere bei kleineren Unternehmen rechnet die Auskunftei 2021 mit einer steigenden Zahl an Pleiten.

„Die Hilfszahlungen verschleiern derzeit die wahre finanzielle Struktur einiger Unternehmen. Derzeit haben über 300 000 Unternehmen in Deutschland finanzielle Probleme“, stellte Frank Schlein, Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel Anfang Oktober fest. Crifbürgel sagt voraus, die Insolvenzwelle werde „noch weit ins Jahr 2021 hineinreichen“.

Auch bei den Pleiten von Privatleuten erwarten die Auskunfteien im nächsten Jahr einen Anstieg. Creditreform zählt hier für dieses Jahr 45 800 Fälle, Crifbürgel hatte bis zu 85 000 Verbraucherinsolvenzen prognostiziert. „2021 könnten es über 100 000 werden“, sagte Crifbürgel-Geschäftsführer Schlein. Viele Menschen hätten infolge von Kurzarbeit weniger Geld in der Tasche, um Verpflichtungen wie Kreditzahlungen, Mieten oder Finanzierungen nachzukommen.

Ökonomen warnen jedoch auch davor, Unternehmen zu lange mit Hilfe von außen über Wasser zu halten. Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland bei der Deutschen Bank, schrieb schon im August: Die Gefahr steige, dass auch Firmen am Leben gehalten werden, die eigentlich nicht überlebensfähig sind. Schneider sprach von „Zombieunternehmen“. Im Zuge einer steigenden Zahl von Insolvenzverfahren nach Ablauf des Insolvenzmoratoriums könnte es nach seiner Einschätzung „gar zu einem Dominoeffekt kommen, bei dem auch gesunde Unternehmen durch die Häufung von Zahlungsausfällen in die Knie gezwungen werden“.