| 12:18 Uhr

Wiederverwertung
Warum Recyclingpapier die Welt ein Stück besser macht

FOTO: pdesign/clipdealer.de
Saarbrücken. In Deutschland kratzt nur einer von zehn Füllern auf Schulheften, die aus 100% recyceltem Papier bestehen. Während bei Zeitungen der Anteil an wiederverwertetem Papier bereits bei 100 % angekommen ist und in amtlichen Einrichtungen die Umstellung ebenfalls schon zum Großteil erfolgt ist, finden sich nur 31 % im alltäglichen Bürogeschehen mit Recyclingpapier ab. Dabei sind Konsequenzen der Produktion von Frischfaserpapier, wie auch die Vorteile der umweltfreundlichen Variante bemerkenswert.

Das Bundesumweltministerium, das Umweltbundesamt sowie Umweltverbände kritisieren den maßlosen Umgang, nicht nur mit Frischfaserpapier. Pro Kopf und Jahr werden in Deutschland 247 Kilogramm Papier verbraucht. Geht man von einem Altpapiereinsatz von 72% aus, so entspricht dies einer Menge von rund 69 Kilogramm Frischfaserpapier pro Kopf und Jahr. Richtig Gewicht bekommt diese Zahl erst, wenn man bedenkt, dass für ein Kilogramm „frisches“ Papier rund die doppelte Menge an Holz benötigt wird. Das führt dazu, dass fast jeder zweite industriell gefällte Baum weltweit zu Papier verarbeitet wird, wie die Umweltorganisation WWF bedenken lässt.


Wo kommt der Zellstoff her?



Die Folgen für die Umwelt sind enorm zumal Deutschland 80 % seines Zellstoffes importiert und das zumeist aus Urwaldgebieten, oder solchen, die mal welche waren. So exportiert beispielsweise Brasilien Zellstoff nach Deutschland, der von Eukalyptus-Plantagen stammt, auf deren Flächen ursprünglich Regenwald wuchs. Auch in Russland, Schweden und Kanada büßen die Urwälder für die Industrie – um die 80 % der gerodeten Wälder wird für den industriellen Verbrauch verwendet. In diesen Regionen kommt es zu massiven Klimaveränderungen und Bodenerosionen, immerhin wird dabei jedes Jahr eine Fläche Wald abgeholzt, die der der Schweiz entspricht.

Weniger Wasser- und Energieverbrauch

Wenn für Primärfaserpapier so viel Aufwand betrieben wird, müsste man meinen, dessen Vorteile in Nutzung und Weiterverarbeitung überwiegen bei Weitem. Tun sie aber nicht. Die Herstellung von Recyclingpapier verbraucht in etwa die Hälfte der Energie und verschwendet 66 - 85 % weniger Wasser als die Herstellung seines „frischen“ Pendants. Auch die Transportwege sind wesentlich kürzer, da nicht erst die Ressource Holz bzw. der schon verarbeitete Zellstoff importiert werden müssen. Auch Schadstoffe, wie Schwefel und Bleiche, werden durch das Recyclen von Papier vermieden.

Das IFEU (Institut für Energie- und Umweltforschung) Heidelberg veranschaulicht rechnerisch, was das in puncto Energieverbrauch genau bedeutet. Würde man 500 Blatt Recyclingpapier statt 500 Blatt Frischfaserpapier herstellen, würde so viel Energie gespart werden, dass man eine 100-Watt-Glühbirne 44 Stunden lang brennen lassen könnte. In Holz umgerechnet bedeutet der Einkauf einer Tonne Recyclingpapier statt der gleichen Menge Frischfaserpapier eine Holzersparnis von 1,6 Tonnen, zeigt Martina Krüger vom IFEU auf.

Was vom Papier zurückbleibt

Die Langlebigkeit der beiden Papiertypen kann auch kein Kriterium gegen Altpapier sein. Frischfaserpapier wie Recyclingpapier überdauern mittlerweile fast ein ganzes Jahrhundert. Dazu kommt, dass Papierfasern bis zu 4 Mal wiederaufbereitet und -verwendet werden können. Was jedoch bei der Aufbereitung zurückbleiben kann, sind Mineralölpartikel. Das sind Druckrückstände, die beim Druck in den Druckereien aufs Papier und zwischen die Fasern gelangen. Bedenklich für die Gesundheit sind diese Rückstände aber immerhin nicht. Zudem setzt eine umweltfreundliche und professionelle Druckerei heutzutage ohnehin bereits zum Großteil auf mineralölfreie Farben bei den Druckprozessen – besonders wenn die Druckerzeugnisse in indirekten oder direkten Kontakt mit Lebensmittel kommen.

Wie weiß ist Weiß?

Unbedingt Unmengen teurer ist das umweltfreundliche Papier auch nicht. Nimmt man es mit dem Weißgrad nicht so genau, steigt man beim Kauf von wiederverwertetem Papier sogar billiger aus. Erst ab einer 90er Weiße gleicht sich der Preis an die Frischfaservariante an und Recyclingpapier mit einer 100er Weiße ist rund 10% teurer als Frischfaserpapier. Jedoch ist hier wiederum zu bedenken, dass die Herstellung von Papier mit 100er Weiße mit hohem Aufwand und Verlust verbunden ist. Die Verarbeitungsschritte mit Bleiche gebrauchen schädliche Stoffe und verschwenden die Fasern. Zudem können als Ausgangsstoff für hochweiße Recyclingpapiere auch nur entsprechende Altpapiere verwendet werden, was einen erheblichen Anteil an Papieren von der Wiederverwertung ausschließt.

Das richtige Siegel fürs richtige Papier

Erkenntlich gemacht werden Recycling- und Umweltpapiere durch zahlreiche Siegel. Manche davon sind vertrauenswürdig und geschützt, manche nicht. Auf der sicheren Seite bewegt sich das „Blauer Engel“-Umweltzeichen. Derart zertifizierte Papiere müssen einen Altpapieranteil von mindestens 65% aufweisen (davon ausgenommen ist das „Blauer Engel“-Siegel mit dem 100%-Zusatz) und bei ihrer Herstellung dürfen keine optischen Aufheller, Weichmacher oder sonstigen schädlichen Chemikalien, die vermeidbar sind, angewendet werden. „Blauer Engel“ unterhält mehrere Labels, von denen z.B. bei jenem mit dem Zusatz „ungebleichtes Papier“ Vorsicht geboten ist, denn es handelt sich hierbei um Primärfaserpapier, das bei der Produktion lediglich nicht gebleicht wurde.

Auch bei den FSC-Labels (Forest Stewardship Council) handelt es sich um Papier aus nicht-recyceltem Zellstoff, dessen Herkunft allerdings aufgrund von umweltfreundlichen, sozialförderlichen und ökonomischen Kriterien kontrolliert wurde. Lediglich ihr „FSC-Recycelt“-Label weißt auf Altpapier hin. Für manche Herkunftsgebiete sind die FSC-Zertifikate allerdings umstritten, da es Fälle von unzureichender Kontrolle gab und manchen Betrieben Verstöße vorgeworfen wurden.

Dass der Mensch seine Umwelt und wie er mit ihr umgeht nicht mehr außer Acht lassen sollte, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Doch selbst wenn dies längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, heißt das noch lange nicht, dass auch gehandelt wird. Gerade beim Papier, das es seit einer Ewigkeit und drei Tagen bereits in umweltfreundlicher Recyclingvariante gibt, greifen besonders private Haushalte und Büros weiterhin zum Primärfaserpapier. Die Gründe sind oft vielfältig. Gestärktes Bewusstsein für die Nutzung der Materialien, mit denen wir täglich hantieren, würde das Problem zumindest in einem ersten Schritt angehen. Wie die Medaille hat das Blatt immer zwei Seiten – die beide (sogar mehrmals) beschrieben werden können.