1. Nachrichten
  2. Politik

Zuhause in der Antarktis

Zuhause in der Antarktis

Andere träumen von einer Reise in die Südsee. Annemarie Sticher wollte unbedingt in die Antarktis. Und das nicht nur für ein paar Wochen. Die Saarländerin verbringt mehr als ein Jahr auf einer Polarforschungsstation.

Ein Blick nach draußen und es ist klar: Annemarie Sticher muss raus. Diese Gelegenheit lässt sie sich nicht entgehen. Ein atemberaubendes Polarlicht färbt den Nachthimmel grün. Das will sie unbedingt fotografieren. Doch bevor die 35-Jährige auch nur einen Fuß vor die Tür setzen kann, muss sie sich anziehen: Gesichtsmaske, Schlauchschal, Mütze, Fließjacke, eine zweite noch dickere Jacke, lange Unterhose, darüber den roten Kälteschutzanzug, zwei Paar Wollsocken, zwei Paar Handschuhe und zuletzt die Skibrille. Draußen knirscht der Schnee unter den Sohlen, die minus 35 Grad kalte Luft fährt in die Lungen, ein scharfer, eisiger Wind streicht um die Ohren. Die Dunkelheit erstreckt sich ins Unendliche. Annemarie Sticher, eine gebürtige Saarländerin, lebt derzeit auf einer Polarforschungsstation in der Antarktis.

Für die Geophysikerin erfüllt sich ein lange gehegter Traum. Sie wollte die Herausforderung, unter so extremen Bedingungen zu leben. "Ich denke, davon profitiert man für das restliche Leben. Außerdem ist es eine Ehre, hier zu sein. So wenige Menschen bekommen diese Gelegenheit", sagt Sticher, die in Türkismühle aufgewachsen ist. Bis sie einer davon wurde, war viel Beharrlichkeit nötig. Schon nach dem Studium in Leipzig, das sie 2004 beendete, bewarb sie sich erstmals für die Überwinterung auf dem eisigen Kontinent am Südpol. "Ich wusste, dass ich es so lange versuchen würde, bis es klappt."

Bei der vierten Bewerbung kam endlich die Zusage. Fünf Monate bereitete sich Sticher auf das Leben in der Antarktis vor, mitsamt Bergrettungskurs und Feuerwehr-Ausbildung. Ihre Wohnung in Kiel, wohin es sie 2006 beruflich verschlagen hatte, gab sie auf. In vier Kisten wurden ihre persönlichen Sachen verschifft, neben Kleidung vor allem Dinge, "die ich in der Freizeit benutze", sagt Sticher. Teleskop, Fotoausrüstung, Wii-Spielekonsole, Gymnastikball, Window-Color-Farben und Bücher.

Seit Dezember ist die Neumayer-Station III, knapp 14 000 Kilometer von Saarbrücken entfernt, nun Stichers Zuhause. Wie ein großes weißes Container-Schiff auf Stelzen ragt sie aus Schnee und Eis. Seit im März der Winter in der Antarktis begonnen hat, ist das neunköpfige Team der Station - vier Wissenschaftler, eine Ärztin, ein Koch und drei Techniker - ganz auf sich allein gestellt. Kein Versorgungsschiff legt in der Atka-Bucht an, das letzte Flugzeug, das noch einmal frische Früchte und Gemüse brachte, haben die Überwinterer im Januar verabschiedet.

Jetzt ist es zu kalt und zu dunkel für Besuch an der Station. Auf bis zu 45 Grad minus fallen die Temperaturen. Seit 21. Mai geht die Sonne nicht mehr auf. Acht Wochen lang herrscht jetzt Polarnacht. "Aber es ist nicht stockdunkel, wie man vielleicht denken würde. Eher wie eine stundenlange Dämmerung", sagt Sticher, die noch bis Februar 2016 in der Antarktis bleibt. Telefon und Internet sind die einzigen Wege, Kontakt mit dem Rest der Welt aufzunehmen, mit Freunden und den Eltern in Türkismühle zu sprechen.

So geht das Team der Neumayer-Station in der stillen Abgeschiedenheit ihrer Arbeit nach. Für die Geophysikerin Sticher bedeutet das vor allem das Sammeln und Übermitteln von Daten. Über Erdbeben zum Beispiel. Drei Seismometer - eines an der Station, eines 40 und eines 80 Kilometer entfernt, messen rund um die Uhr Erderschütterungen. Die Daten werden in das weltweite Erdbeben-Überwachungsnetz eingespeist. Zudem messen Sticher und ihr Kollege das Erdmagnetfeld und beobachten Veränderungen. Und auch eine Infraschallanlage zur Überwachung des internationalen Atomwaffentest-Stopp-Abkommens steht unter ihrer Aufsicht.

Für die Wissenschaftler spielt sich ein großer Teil ihrer Arbeit also am Computer ab. Drinnen versauern müssen sie aber nicht. So betreuen sie auch ein Pinguin-Observatorium, in dem Kameras das Verhalten einer Kolonie aus 8000 Tieren aufzeichnen. Außerdem müssen die wissenschaftlichen Geräte regelmäßig überprüft und gewartet werden. Mehrmals im Jahr fahren die Überwinterer zu den entlegeneren Stationen, die wegen Spalten im Eis nur auf Umwegen zu erreichen sind. Allein die Hin- und Rückfahrt mit dem kettenangetriebenen Pistenbully dauert jeweils einen Tag. Im Gepäck ein Wohncontainer, Treibstoff und Proviant. "Das ist wie ein Camping-Urlaub", sagt Sticher lachend.

Ein Camping-Urlaub, der aber auch Gefahren birgt. Denn wer sich in der Antarktis hinauswagt, geht immer ein Risiko ein. Kälte, Eis und Schnee können unerbittlich sein. "Sehr gefährlich ist zum Beispiel die Drift. Sie ist vergleichbar mit einem Sandsturm. Die Luft ist voller kleinster Schneekristalle, die einem die Sicht nehmen. Man weiß nicht, wo vorne, hinten, rechts oder links ist", erklärt die Saarländerin. "Ich konnte mir das nicht vorstellen, bis ich es selbst erlebt habe." Tückisch ist auch das sogenannte White Out, wenn bei flacher Lichteinstrahlung durch die Reflexion alles weiß erscheint und die Konturen verschwinden. "Da kann einen Meter vor dir ein Loch sein und du siehst es nicht."

Wegen dieser Gefahren dürfen sich die Teammitglieder niemals allein weiter von der Station entfernen. "Wir müssen immer zu zweit sein. Außerdem müssen wir ein Funkgerät und ein GPS-System dabei haben." Zu manchen näher gelegenen Messstationen führen Handleinen, denn bei schlechtem Wetter ist die Neumayer-Station schon nach wenigen Metern in Schnee und Nebel verschwunden. "Da kann man ganz schnell die Orientierung verlieren", sagt Sticher.

Bisher ging aber alles gut. Und trotz des einsamen Lebens und der schwierigen Bedingungen hat Sticher ihre Entscheidung nicht bereut. "Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich es nicht mehr aushalte", sagt sie. "Es ist eine tolle Gruppe. Wir leben wie in einer WG." Mitsamt Putz- und Küchendienst. Heimweh habe sie auch nicht. Ob das Leben in der kalten Einsamkeit dennoch Auswirkungen auf sie hat, wird sogar wissenschaftlich getestet. Das Team der Station nimmt an einer Studie teil, die erkunden soll, wie der menschliche Körper auf Isolation reagiert.

Um einen Lagerkoller zu vermeiden, versuchen die Überwinterer oft gemeinsam für gute Laune zu sorgen. Neben Spiele- und Filmabenden gibt es immer wieder sportliche Herausforderungen, zum Beispiel ein Kicker- und ein Billard-Turnier. Vor kurzem brachte das Team auch einen Brauch aus der Heimat ins ewige Eis. In der Dämmerung des 30. April stellten die neun Mitglieder einen Maibaum auf. Aus Mangel an echten Bäumen musste ein langes Stahlrohr herhalten. Geschmückt mit Bändern und der Girlandenkrone, die vom Richtfest der Station im Jahr 2009 übrig war, ragte der Maibaum in den Himmel der Antarktis.

Die Crew der Neumayer-Station schreibt einen Blog: www.awi.de/de/go/atkaxpress

Geophysikerin Annemarie Sticher an ihrem Arbeitsplatz.
Eine Kolonie Pinguine lebt in der Nähe der Polarforschungsstation.

Zum Thema:

HintergrundDie Neumayer-Polarforschungsstation liegt rund 2000 Kilometer vom geographischen Südpol entfernt am nördlichen Rand des antarktischen Kontinents. Sie steht auf 16 hydraulischen Stützen und wiegt 2300 Tonnen. In 100 Containern sind unter anderem Labors, Wohnräume, sanitäre Anlagen, Küche, Messe und Krankenraum untergebracht. In der Garage unter der Station gibt es Stellplätze für Motorschlitten und Pistenbullys. Die Station wird von einem Blockheizkraftwerk und einer Windkraftanlage mit Energie versorgt. Sie wird das ganze Jahr über vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven betrieben. mast