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Zu laut für Kinderohren

Zu laut für Kinderohren

Wo Kinder sind, ist es oft laut. Doch Dauerlärm macht dem Nachwuchs zu schaffen, kann Stress auslösen und die Schul-Leistungen beeinflussen. Der heutige Tag gegen Lärm stellt das Problem in den Mittelpunkt.

Der Klassenraum brummt: Schüler arbeiten in Gruppen, rufen sich etwas zu, diskutieren lebhaft. Der Lehrer muss lauter werden, um Fragen zu beantworten und sich in dem hallenden Raum noch Gehör zu verschaffen. Schon ein ganz normaler Schulvormittag kann so zu Lärmstress führen. Liegt die Schule dann noch in der Nähe eines Flughafens oder an einer Hauptstraße, kommt weiterer Krach hinzu. Nicht gut für die Ohren und die Konzentrationsfähigkeit des Nachwuchses. Der heutige Tag gegen Lärm stellt deshalb Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt. Sein Motto: "Lärm - voll nervig!"

"Kindern scheint Lärm oft relativ wenig auszumachen, aber schon der Pegel in einem Klassenzimmer kann belastend sein, noch heftiger ist die Pausenhalle, wenn es kalt ist oder regnet", sagt Prof. Brigitte Schulte-Fortkamp, Akustik-Spezialistin an der TU Berlin und Leiterin des Aktionstages in Deutschland. Denn Rufen, Lachen und Schreien der Kinder, das 80 Dezibel erreichen kann und damit deutlich über der normalen Gesprächslautstärke von etwa 60 Dezibel liegt, werden durch ungünstigen Raumhall noch verstärkt. "Akustisch und optisch kann man da einiges verbessern. Wir haben für einen Wettbewerb 800 Architekten angeschrieben, um ein leises Klassenzimmer zu gestalten", sagt Schulte-Fortkamp. Das soll beispielhaft an einer Berliner Grundschule geschehen.

Doch nicht nur der selbst produzierte und räumlich verstärkte Lärm beschallt den Nachwuchs. Starker Verkehrslärm, vor allem durch Flugzeuge, kann schulische Leistungen mindern. So wies bereits die Ranch-Studie (2005) auf schlechtere Lernfähigkeit und Gedächtnisfunktion bei Dauerlärm hin. Ende 2014 zeigte die langfristig angelegte Norah-Studie, dass die Leseleistung von Kindern in fluglärmbelasteten Schulen schlechter ist als in leiseren Umgebungen. Getestet wurden über 1200 Zweitklässler aus 29 Grundschulen im Rhein-Main-Gebiet mit Dauerschallpegeln zwischen 39 bis 59 Dezibel. Es zeigte sich: Zehn Dezibel mehr entsprachen einem Monat Rückstand in der Leseleistung. "Das erscheint vielleicht erstmal nicht so relevant, aber entscheidend ist: Man nimmt diese Verzögerung mit in die nächste Schulstufe, sie setzt sich fort", sagt Schulte-Fortkamp.

Mit ausleihbaren "Lärmkoffern" will die Deutsche Gesellschaft für Akustik die Aufmerksamkeit für das, was man sich so aufs Ohr gibt, auch bei Schülern steigern: Neben Schallpegelmessgerät und Stimmgabeln finden sie in dem Koffer auch ein überdimensionales Silikon ohr. Dort können sie ein MP3-Gerät anstöpseln und sehen, was dann im Innenohr geschieht. "MP3 ist nach wie vor ein großes Thema, denn für alles, was direkt ins Ohr geht, hat man keine Kompensationsmöglichkeiten - und die voreingestellten Höchstlautstärken sind leicht zu knacken", sagt die Akustik-Expertin. Fünf Minuten laute Musik seien ok. "Aber bitte nicht dauerhaft", warnt Schulte-Fortkamp. Wer stundenlang einen Knopf im Ohr hat, sollte 60 Dezibel nicht überschreiten. Auf Konzerten und in Clubs erreicht der Schallpegel sogar etwa 110 Dezibel, was ungefähr dem Tanzen direkt neben einem Presslufthammer entspricht.

Hörschäden bei Jugendlichen sind schon seit Jahren messbar. "Auch wenn man nie genau nachweisen kann, woher sie kommen", räumt Schulte-Fortkamp ein. Schon der Kinder-Umwelt-Survey (2003/2006) des Umweltbundesamtes zeigte, dass etwa jeder achte Heranwachsende einen Hörverlust von 20 Dezibel bei mindestens einer Testfrequenz hatte. "Freizeitlärm könnte eine der Ursachen für diese Hörverluste sein", so das UBA. Therapierbar seien diese Schäden nicht.

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Am RandeWenn von Lärmbelastung die Rede ist, geht es vor allem auch um den Straßenverkehr. Im Saarland haben 23 Kommunen einen Lärmaktionsplan erstellt (die SZ berichtete), darunter Saarbrücken. Dort müssen rund 2900 Menschen mehr als 70 Dezibel ertragen. Geplant sind nun weitere Tempo-30-Zonen für laute Straßen und Deckschichten aus Flüsterasphalt. Die EU hat Städte und Kommunen dazu verpflichtet, eine Lärmkarte und einen Aktionsplan aufzustellen. ine