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Wohin mit den ganz schwierigen Jungs?

Wohin mit den ganz schwierigen Jungs?

Sie sind notorische Ausreißer, Schulschwänzer, Arbeitsverweigerer, sie stehlen, bedrohen ihre Mitmenschen, sind suizid- und suchtgefährdet, landen oft auf der Straße. Nein, diese meist männlichen Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 18 sind kein Massenphänomen, statistisch gesehen nur fassbar in der Gruppe derer, die intensivpädagogische Einzelbetreuung brauchen. 4,4 von 10 000 Jugendlichen sind das. Ihre "Maßnahme-Karrieren" zwischen Jugendpsychiatrie und Erlebnispädagogik, die nicht selten im Ausland stattfinden, kosten die Jugendhilfe bis zu 100 000 Euro im Jahr. Mitunter, wenn auch selten, ordnen Jugendrichter freiheitsentziehende Maßnahmen nach Paragraf 1631 b an, sprich eine Betreuung in einer geschlossenen Einrichtung. Im Saarland kam das in den vergangenen beiden Jahren nach SZ-Recherchen bei allen Jugendämtern der Landkreise nur etwa 30 Mal vor - und 30 Mal standen die Jugendämter vor der Frage: Wohin mit den Jugendlichen?

Denn im Saarland existiert keine einzige schließbare Betreuungsstelle. Also schickte beispielsweise das Jugendamt im Regionalverband Saarbrücken sechs Jugendliche in andere Bundesländer und ins Ausland. Bei neun Beschlüssen "war eine geschlossene Unterbringung wegen fehlender Plätze nicht möglich", heißt es. Und damit ist der Kern des Problems beschrieben, das die Arbeiterwohlfahrt (Awo) und die Saarland Heilstätten GmbH (SHG) jetzt angehen. "Wir wollen eine Versorgungslücke füllen", sagt SHG-Geschäftsführer Alfons Vogtel. Geplant ist eine intensivpädagogische Einrichtung mit etwa zehn bis zwölf Plätzen für männliche Jugendliche (14-18 Jahre); Durchlässigkeit gehört zum Konzept. Vier Plätze sollen "geschlossen intensivpädagogisch" sein, sechs sind offen intensivpädagogisch. Es geht bei einer Verschluss-Maßnahme darum, Erziehung oder Beschulung überhaupt erst wieder zu ermöglichen. Das Ziel lautet, möglichst schnell wieder in die offene Betreuung zu wechseln.

Laut Vogtel ist eine Kooperationsvereinbarung mit der Awo in rechtlicher Prüfung. Man suche bereits ein geeignetes Haus für die Einrichtung, seit Monaten schon. Der Standort sei die Haupthürde, meint Vogtel. Wer reißt sich schon um diese Klientel? Die Awo sieht sich in der Pflicht. "Wir können und wollen die Jugendlichen nicht einfach aufgeben", sagt Birgit Luhmann, Direktorin des Sozialpädagogischen Netzwerkes der Awo. Ein verlorener 14-Jähriger bleibe meist bis zu seinem Lebensende von sozialer Unterstützung abhängig. SHG-Chef Vogtel wirbt mit folgender Argumentation: "Wir können das Problem nicht immer nur exportieren. Es ist unsere soziale Verantwortung, die Jugendlichen hier zu betreuen. Und warum sollen wir Kinder und Geld aus dem Land geben?" Zumal durch eine Unterbringung außerhalb des Saarlandes kostspielige Dienstreisen für die hiesigen Jugendamts-Mitarbeiter anfallen, die ihrer rechtlichen Aufsichtspflicht nachkommen müssen.

Wie Professor Dr. Eva Möhler, Chefärztin der SHG-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie erläutert, sprechen für den Verbleib in der gewohnten Umgebung jedoch vordringlich pädagogische Gründe: "Alle Maßnahmen folgen dem Ziel, die Jugendlichen wieder zu integrieren, in die Schule oder in Sportvereine." Dies sei nach der Rückkehr der Jugendlichen aus anderen Bundesländern oder aus dem Ausland unweit schwerer leistbar. Zudem ergäben sich Vorteile, weil die neue Einrichtung engmaschig mit der Jugendpsychiatrie verknüpft werde, durch Klinik-Aufnahme bei Krisen oder wenn kurzfristig Diagnosen gestellt werden müssten.

Wird dies alles Realität, wäre das die Zerschlagung eines Gordischen Knotens. Denn schon seit zehn Jahren wälzen im Saarland Jugendämter , Krankenkassen, Landeregierung und Jugendhilfeträger dieses Thema hin und her. Der Knackpunkt: das liebe Geld. Die erste Idee einer Mischfinanzierung (Krankenkassen/Jugendämter ) scheiterte krachend. Mag sein, dass deshalb zum jetzigen Zeitpunkt weder Awo noch SHG mit Kostenplänen rausrücken wollen. Nicht mal der Tagessatz wird genannt; im Bundesschnitt sind es rund 300 bis 400 Euro, 365 Tage im Jahr.

Das rechnet sich nur bei Vollbelegung einer Einrichtung, denn die Kosten für eine Rund-um-die-Uhr-Personalisierung fallen immer an. Klaus Ruffing vom Jugendamt des Saarpfalz-Kreises äußert deshalb - stellvertretend für manch anderen Kollegen - Zweifel: "Reichen die saarländischen Kapazitäten, um eine solche Einrichtung dauerhaft am Netz zu halten?" Trotzdem ermittelt eine SZ-Umfrage bei allen Jugendämtern der Landkreise zumindest einen grundsätzlichen Bedarf. Wobei der Regionalverband eine "Notsituation" konstatiert. Davon berichtet Armin Weppernig, stellvertretender Leiter des Jugendamtes. Er sieht seine Behörde als Motor für die Wiederaufnahme des Vorhabens. Das bewegt sich derzeit noch im vorpolitischen Raum. Denn zuerst muss der Landesjugendhilfeausschuss zustimmen, das Landesjugendamt (Sozialministerium) die Betriebsgenehmigung erteilen und die Entgeltkommission die Tagessätze verhandeln. Awo-Direktorin Birgit Luhman betont: "Es geht hier nicht um ein möglichst preiswertes Angebot, durch das die Jugendämter Geld sparen können. Wir haben einen sehr hohen pädagogischen Anspruch, der sich nicht mit Billigtarifen bezahlen lässt."

Ist es die Kostenproblematik allein, die die Gründung einer solchen "Anstalt" hierzulande bis dato verhindert hat? Kaum. Immer noch wirkten und wirken, wie man hört, bei den Jugendhilfe-Verantwortlichen in den Ämtern die Vorbehalte der 70er Jahre gegenüber einer "strafenden Pädagogik" nach. SHG-Chef Vogtel hat deshalb andere Mutmaßungen. Offensichtlich hätte die Politik bei uns nach dem Motto gehandelt: "Wenn andere es tun, muss man sich nicht selbst die Hände schmutzig machen." Das Saarland steht mit dieser Kirchturmpolitik nicht allein: Sechs weitere Bundesländer kennen keine schließbare Jugendhilfe .