Wo anders ganz normal ist

Wo anders ganz normal ist

Die saarländische Politik hat Inklusion im Gesetz festgeschrieben. Schulen stehen damit vor großen Herausforderungen. Bei den Kollegen am Ordensgut holen sich Lehrer oft Inspiration aus jahrelanger Erfahrung.

Auf dem Flur sitzen zwei Mädchen. Sie lesen zusammen eine Geschichte laut vor. Es geht um eine übel riechende Suppe, die nicht mal der Hund essen will. Die Mädchen kichern. Vom Weinen und Schreien, das aus der offenen Tür hinter ihnen dringt, lassen sie sich nicht ablenken. Auch die Schüler , die im Klassenzimmer sitzen, machen konzentriert ihre Rechenaufgaben oder Schreibübungen. Eine Lehrerin und eine Integrationshelferin versuchen, das schreiende Kind zu beruhigen. "Nein, nein", ruft das autistische Mädchen immer wieder, das Gesicht nass von Tränen. Um sie herum geht die Arbeit ruhig weiter.

"Jedes Kind ist anders", sagt Doris Burkhardt, Leiterin der Grundschule am Ordensgut. Und es ist keine leere Worthülse. Es ist das Motto, unter dem an der Saarbrücker Schule alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Egal, ob sie nun schnell vorankommen oder etwas länger brauchen, einen Migrationshintergrund haben oder eine Behinderung. Was seit dem Sommer 2014 im Saarland gesetzlich vorgeschrieben ist, wird hier schon seit mehr als 20 Jahren gelebt. In jeder Klasse ist mindestens ein Kind mit anerkanntem Förderbedarf, insgesamt sind es 20.

Die Debatte um Inklusion hat gerade durch die Flüchtlingskrise eine neue Dimension erhalten. So gilt es nicht nur, Kinder mit einer Behinderung in den Regelschulen zu integrieren, sondern auch immer mehr Kinder, die kein Wort Deutsch sprechen. Viele Lehrer stehen vor neuen Herausforderungen und fühlen sich alleingelassen. In einer ersten Bilanz kritisierten die Bildungsgewerkschaften im Oktober vor allem mangelnde personelle Unterstützung. Sie forderten deutlich mehr Förderschullehrer, Sozialpädagogen und Psychologen.

Schon um kurz vor halb acht morgens ist das Schulhaus in Alt-Saarbrücken hell und einladend erleuchtet. Die Türen sind offen. Im Hof spielen zwei Jungen in der Dämmerung Fangen. Nach und nach trudeln Schüler ein und gehen in die Klassenzimmer, obwohl der Unterricht noch lange nicht beginnt. Hier schauen Kinder zusammen ein Buch mit Tieren an. Dort schreibt ein Junge Wörter in ein Heft: Kamel, Kakadu, kuscheln. Dann ertönt eine kurze Melodie mit Streichinstrumenten. Der Unterricht beginnt.

Anderssein als Normalität - um dieses Ziel zu erreichen, muss auch die Schule anders sein, findet das Team am Ordensgut. Über die Jahre hat es die gewohnten pädagogischen Konzepte auf den Kopf gestellt und ein eigenes Programm entwickelt. "Als erstes haben wir den Gong abgeschafft", sagt Christel Dewald, die frühere Rektorin. Sie war es, die in den 90er Jahren den "neuen Weg" eingeschlagen hat. Die Inklusion gelinge vor allem durch ein offenes Unterrichtskonzept, bei dem die Kinder früh lernen, selbstständig zu arbeiten. Der 45-Minuten-Takt wurde deshalb aufgehoben. Frontalunterricht gibt es kaum. Die Schüler lernen für sich oder in kleinen Gruppen nach einem Wochenplan. Das Material und die Aufgaben sind nach ihren Bedürfnissen individuell zusammengestellt. "In diesem System entstehen für die Lehrer Freiräume, um sich einzelnen Kindern intensiver zu widmen", sagt Burkhardt.

Offen ist am Ordensgut aber auch ganz wörtlich zu nehmen. Die Türen zu den Klassenzimmern sind geöffnet. Die Schüler können zur Toilette gehen, wann sie möchten. Sie können an Tischen auf den Fluren lernen oder in einem Nebenzimmer. Damit das alles nicht in kindliches Chaos ausartet, gibt es Regeln und Rituale, die für jeden gelten. Das stärkt auch das Gefühl, dass alle gleich sind.

Als Ziel gibt die Schule aus, den Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch Schlüsselkompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität, Teamfähigkeit, Respekt und Verantwortungsbewusstsein. Regelmäßig kommen Lehrergruppen nicht nur aus dem Saarland zu Besuch, um sich inspirieren zu lassen. An diesem Morgen ist es das Kollegium der Grundschule an der Blies. "Das ist ja ein Traum hier", sagen viele von ihnen.

Tatsächlich lässt die Ausstattung der Klassenzimmer Kinder- wie Lehrerherzen höher schlagen. In Regalen stapeln sich Spiele, Bücher und Bastelmaterial. In jeder Klasse gibt es Kopfhörer, die den Kindern helfen, in Ruhe zu arbeiten. In einem Raum hängen Dutzende Geigen und Celli , an denen jedes Kind Unterricht erhält. Ein Klassenzimmer hat eine Schallschutzdecke für ein Kind mit einer Hörstörung.

All das kostet Geld. Doch das Argument, die Schule habe einfach mehr finanzielle Mittel als andere, lässt Rektorin Burkhardt nicht gelten. "Viele Dinge haben wir nach und nach angeschafft, wie es unser Budget zuließ." Manche Projekte wie die "Kleinen Streicher" werden über Fördergelder finanziert. Die Schule wird zudem durch einen Förderverein unterstützt und auch viele Eltern engagieren sich.

Die Lehrerinnen der Grundschule an der Blies interessieren sich vor allem für das offene Unterrichten. "Wir haben gemerkt, dass wir mit der Inklusion nicht zurande kommen, wenn wir es so machen wie bisher", erklärt Schulleiterin Nadine Müller. Die ersten Monate des Schuljahres habe man ohne einen Förderschullehrer auskommen müssen, dabei seien in manchen Klassen mehrere Kinder mit Förderbedarf. Hinzu kämen zunehmend Flüchtlingskinder, merkt eine Lehrerin an. "Ich habe das Gefühl, ich könnte mich zehnteilen und würde es nicht schaffen", sagt eine andere. "Es gibt immer mehr schwierige Kinder, da bleiben die anderen auf der Strecke."

Inzwischen ist es Mittag. In der Aula riecht es nach Essen. Vereinzelt tollen Kinder herum. Im Musikzimmer hat sich die Gruppe aus dem Bliesgau zusammengesetzt. "Was können wir für uns übernehmen?", fragt Müller und hängt bunte Plakate auf. "Individuelle Förderung" steht da, "Schulhausgestaltung", "Rituale und Regeln für alle". Schnell füllen sich die Plakate mit Ideen. Und es wird klar: Vieles lässt sich zügig und unkompliziert umsetzen. Erste Aufgaben werden verteilt. Die Ermutigung von Doris Burkhardt hallt noch nach: "Fangen Sie mit kleinen Schritten an. Gehen Sie einen nach dem anderen. Machen Sie sich auf den Weg."

Zum Thema:

HintergrundDas Gesetz zur Inklusion hat der Saar-Landtag im Juni 2014 beschlossen. Alle Kinder werden demnach automatisch in einer Grundschule eingeschult. Wollen Eltern ihr Kind auf eine Förderschule schicken, müssen sie das beantragen. Zum aktuellen Schuljahr begannen 63 Kinder mit Anerkennung für eine sonderpädagogische Unterstützung an einer Regelgrundschule, 131 an Förderschulen. Ab 2016/17 gilt die Inklusion an weiterführenden Schulen, die Berufsschulen folgen zwei Jahre später. Im Saarland gibt es nach Angaben der Inklusionsbeauftragten Anett Sastges-Schank bei den Förderschullehrern derzeit 870 Vollzeitlehrereinheiten, aufgerechnet aus ganzen und Teilzeitstellen. Zudem werden die Förderschullehrer den Schulen nun fest zugeteilt anstatt stundenweise einem einzelnen Kind. Je nach Förderbedarf, Belastung und Größe erhalten die Schulen ein festes Budget an Förderstunden, mit dem sie selbst planen können. mast